Betriebliches Lernen in der Zukunft

Gerade gegenwärtig zeigt die Entwicklung in den arabischen Ländern, dass und wie eine große Anzahl von Beteiligten in der Lage ist, mit Hilfe von Social Software, z.B. Facebook und Twitter, gemeinsam ihre Kompetenzen zu entwickeln und zu lernen: in diesem Falle, wie man Revolutionen organisiert.

Weniger spektakulär, aber gleichfalls eindrucksvoll zeigen gegenwärtig die Bemühungen aller großer Unternehmen um „open innovations“, dass die Entwicklung der Kernkompetenzen von Unternehmen mit der über soziale Netze vermittelten Kompetenzentwicklung der Mitarbeiter eng verbunden ist.

Für betriebliche Lernsysteme stellt sich somit die Frage, wie solche Entwicklungen auch innerhalb der Unternehmen und in Unternehmensverbünden genutzt werden können. Können im Rahmen der Weiterentwicklung sozialer Netze (web 3.0, web 4.0…) Lernende Organisationen als dynamische Systeme entstehen, in denen sich die Kernkompetenzen der Organisation und die Kompetenzen der Mitarbeiter systematisch weiterentwickeln?

Es kann davon ausgegangen werden, dass in den kommenden zehn Jahren IT-Lösungen auf dem neuesten Stand der Computertechnik und der Softwareentwicklung in der Lage sein werden, Lernprozesse von Lernern aktiv mit zu steuern und tutoriell zu begleiten. Dabei sind technikseitig zumindest drei Trends maßgeblich:

  • Die schnelle Entwicklung semantischer Netze:  Semantik als Lehre von der Bedeutung von Termini, Aussagen, Operatoren und aus ihnen zusammengesetzten sprachlichen Gebilden ist immer auch Lehre von der wertenden, beurteilenden Funktion von Sprache und Kommunikation. Damit greift die Entwicklung semantischer Netze in die zentralen Prozesse der Kompetenzentwicklung, nämlich in die Interiorisationsprozesse von Regeln, Werten und Normen ein. Sie spielt in Lehr – Lern – Prozessen der nahen Zukunft eine große Rolle. Die Inhalte des WWW sind heute noch in erster Linie auf den menschlichen Lerner ausgelegt. Das semantische Web will die Interpretation der Inhalte jedoch automatisch in Beziehung setzen. Der Mensch wird damit vordergründig in seinen Fähigkeiten, zu deuten und zu werten, degradiert. Dies erfordert eine grundlegende Veränderung der Lernsysteme.
  • Die immer umfassendere Nutzung des Cloud Computing:  Damit setzt sich ein bisher schon existierender Trend auf qualitativ neue Weise fort. Informationswissen und methodische Standard – Operationen sind immer einfacher, schneller und effektiver verfügbar. Demgegenüber werden immer mehr Kompetenzen erforderlich und gefordert, sich in der wolkigen Fülle zurecht zu finden, und sowohl mit der explodierenden Materialfülle wie mit der explodierenden technischen Innovation Schritt zu halten.
  • Immer eigenständigere Funktionen der Computer und Computersysteme: Bis vor Kurzem waren Computer nicht viel mehr als technische Hilfsmittel. In absehbarer Zeit stehen Großrechner mit der Kapazität des menschlichen Gehirns zur Verfügung. In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts wird es massenhaft in Clouds verankerte Computer und Computersysteme geben, die diese Kapazität besitzen. Computer entwickeln sich damit zu Tandempartnern in selbstorganisierten Lernprozessen. Sie werden die Lerner verstehen und mit ihnen interagieren können. Sie beantworten Fragen, stellen aber auch die notwendigen Fragen und durchforsten dabei wissenschaftliche und praxisbezogene Literaturquellen und innerbetriebliche Dokumente. Sie entwickeln sich zu einer Verknüpfung aus Google und einem Coach, der über das Smartphone immer zur Verfügung steht. Deshalb ist es notwendig, das aktuelle KOPING-Modell mit (menschlichen) Lernpartnern und Lerngruppen mit dem Ziel der Steuerung und Flankierung selbstorganisierter Lernprozesse zu einem Lernkonzept zu erweitern, in dem Computer zunehmend Aufgaben in diesem Bereich übernehmen.  Web 3.0 wird somit das Zusammenwirken von Mensch und Computer fundamental verändern. Das Lernen in und mit solchen Systemen verändert alle unsere Lerngewohnheiten.

Im Web 1.0, aber auch im Web 2.0, organisiert der Mensch Strukturen und Funktionen noch nach seinen Wertungen, nach seinen Wünschen, Vorlieben und Zwecken. In den nächsten Stufen der Netzentwicklung produziert das (semantische) Web Wertungen als Ordner der Selbstorganisation voraussichtlich zunehmend selbst. Das Netz enthält zunehmend intelligente autonome Content Objekte, wird zum „Content Centric Network“.  Es gibt dann kaum noch „wertfreie“ Contents.

Wir gehen davon aus, dass die Lernsysteme der Zukunft sich fundamental von den heutigen Lernsystemen unterscheiden:

Bisher:  Vorgegebene Curricula à Vermittlung  wertfreien (Standard-)Wissens in Seminaren oder mit Studienbriefen/E-Learning à Test und Zertifikat. Evtl. findet ein Transfer in die Praxis statt, sofern sich die Gelegenheit ergibt.

Heute:  Kombination von wertfreier Wissensvermittlung über E-Learning mit praxis- und projektorientiertem Lernen zum Aufbau von wertbeladenem Erfahrungswissen. Austausch von Erfahrungswissen in Erfa-Kreisen und mit Social-Software.

Zukünftig:  Aktuelle Praxisprobleme, die zu lösen sind à Reflexion aus strategischer, ganzheitlicher  Sicht, Formulierung persönlicher Kompetenzziele à Nutzung wertfreien Wissens in modularisierter Form (WBT) + wertbeladenen  Wissens in Form von Praxisbeispielen (über semantische Suchen) + Austausch von Erfahrungswissen (Netzbasiertes Lernen) à Selbstorganisierte Entwicklung von Lösungen à Integration des neu erworbenen Wissens in das dynamische Lernsystem.

Diese bedeutet, dass die Kompetenzentwicklung in der Praxis nicht mehr davon abhängt, ob man zufällig auf erfahrene Kollegen trifft, die einem diese Lernprozesse ermöglichen, sondern dass die realen Problemstellungen am Anfang stehen und die  Kompetenzentwicklung in der Praxis den „roten Faden“ der Lernprozesse bilden. Wertfreies Wissen, z.B. in Form von WBT, wird weiterhin benötigt, aber nicht als Vorratswissen, sondern als modularisiertes, situationsbezogen bereit gestelltes Wissen. Der entscheidende Unterschied zu heute ergibt sich aber daraus, dass der „Lernpartner Computer“ in der Lage sein wird, das Erfahrungswissen , das benötigt wird, passgenau zur Verfügung zu stellen und dem Lerner ein fundiertes Feedback zu seinen Lösungen zu geben. Er unterstützt die Steuerung der individuellen Lernprozesse und übernimmt damit zu einem großen Teil Aufgaben, die heute erfahrene Coaches oder Mentoren erfüllen. Menschliche Lernpartner werden weiterhin benötigt, ihre Schwerpunkte werden sich jedoch zunehmend in die Bereiche der Kommunikation, der Bewertung und der Flankierung hin entwickeln.

Sie halten dies für Zukunftsmusik? IT-Fachleute gehen davon aus, dass dies bereits in fünf bis zehn Jahren möglich sein wird. Dann können die Lerner ihre Lernziele, ihre Lernprozesse und die Lösungen mit Hilfe „intelligenter“ Systeme und Netzwerke selbstorganisiert  gestalten. Viele Elemente dieser Vision können wir bereits heute realisieren. Lassen Sie uns in die Diskussion darüber einsteigen.

© Prof. Dr. Werner Sauter

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