Wer braucht schon Lehrer?

Im jüngsten Zeitmagazin 31/2011 berichtete Jürgen von Rutenberg über die Zukunft des Lernens am Beispiel der Schulen. Ausführlich schildert er die vielfältigen Möglichkeiten von interaktiven Whiteboards und computergestützten Lernspielen sowie die gesteigerte Aufmerksamkeit, die diese bei den Schülern hervorrufen. Diese Artikel erinnerte mich spontan sehr an ähnliche Artikel in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts, als zu Anfang des E-Learning die Prognosen, dass wir zukünftig keine Lehrer oder Trainer benötigen würden, um sich griffen. Es ist immer der gleiche Reflex, sobald neue Lernmedien auftauchen, schauen die Autoren der Zeitungsartikel wie gebannt auf die neue Technik. Es werden alle, anfangs euphorisch alle als fantastisch erscheinenden Möglichkeiten, beschrieben. Dies war bei der Einführung von Web Based Trainings, bei Mobile Learning oder bei Social Software ähnlich.

Diese technikfixierte Sichtweise sehe ich als Irrweg an. Ob der Unterricht in Großbritannien wirklich besser ist als in Deutschland, nur weil dort mehr als drei Viertel der Schulen, hier nur 5 %, eine Computertafel haben, ist zumindestens offen. Die wirkliche Veränderung in unseren Lernsystemen liegt doch nicht in der Nutzung neuer Medien. Auch WBT, die überwiegend Wissen vermitteln, sind letztendlich Frontalunterricht mit anderen Kanälen.

Die wirkliche Revolution des Lernens liegt aus meiner Sicht darin, dass die Lerner ihre Lernprozesse zunehmend eigenverantwortlich und selbstgesteuert gestalten. Im betrieblichen Lernen definieren die Lerner immer öfter ihre Lernziele im Rahmen von Kompetenzentwicklugnsprozessen, bei denen es um die Handlungsfähigkeit ind er Praxis geht, weitgehend selbst. Diese Entwicklung geht einher mit dem gesellschaftlichen Trend zu Social Software und dem aktiven Asutausch von Wissen und Erfahrungen.

Es ist typisch, dass von Rutenberg vorschlägt, den „Unterricht“ in Zukunft mithilfe des Computers weniger langweilig zu machen. Deshalb hat er sich zunächst intensiv mit den Herstellern von Computertafeln unterhalten. Das kommt mir so vor, als ob ich mit Architekten von Schulgebäuden über pädagogische Konzepte diskutiere.

Von Rutenberg geht wie selbstverständlich davon aus, dass der Lehrer seine bisherige Rolle als Gestalter der Lernprozesse und als Wissenvermittler primär beibehält und den Computer zukünftig nutzt, um den Unterricht so spannend zu gestalten wie ein Computerspiel. Er kann sich höchstens vorstellen, dass sich der Lehrer vom Wissensvermittler zu einem Moderator wie Günther Jauch wandelt, der den Auswertungsknopf des Computerspiels drückt.

Den Motivationseffekt neuer Medien sehe ich eher kurzfristig. Die Erfahrung lehrt leider, dass Motivationseffekte aufgrund von Audios, Videos oder dreidimensionalen Darstellungen meist nur sehr kurzfristig sind. Langfristige Motivation entsteht dagegen durch reale Herausforderungen, durch die zielgerichtete Interaktion mit Lernpartnern und durch die direkte Umsetzung in der Praxis. Das können wir schon bei kleinen Kindern, aber auch bei Erwachsenen beobachten.

Hätte von Rutenberg nicht besser darüber nachdenken sollen, welche Ziele wir zukünftig mit dem Unterricht erreichen wollen und welche Lernkonzeptionen sich daraus ableiten. Ob wir zukünftig nicht weniger „Unterricht“ und dafür mehr „aktives Lernen“, selbstgesteuert durch Schüler oder Mitarbeiter, benötigen? Welche Rollen leiten sich für die Schüler und Lerner sowie für die Lehrer daraus ab. Wird der Lehrer nicht mehr zum Lernbegleiter und Coach, weniger zum Wissensvermittler oder Spielmoderator?

Natürlich entstehen Lernkonzepte immer im gesellschaftlichen und auch technischen Umfeld. Deswegen muss man sich mit den neuen Medien intensiv beschäftigen. Die Frage ist jedoch, aus welchem Fokus die Lernkonzepte entwickelt werden. Ich bin der Meinung, dass am Anfang immer die Ziele und die Lernkonzeption stehen. Wenn ich dies definiert habe, erst dann kann ich vernünftig über die Möglichkeiten der neuen Medien, auch von Computertafeln, nachdenken. Und nur dann können Lernkonzepte entstehen, die auch langfristig motivierend und damit erfolgreich wirken. Vielleicht schreibt Herr Von Rutenberg bei Gelegenheit mal einen Artikel über das neue Lernen.

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