Duale Berufsausbildung – ein Erfolgsmodell?

Auch im neuen Jahr werden wir uns weiter intensiv mit beruflichen Ausbildungskonzepten beschäftigen. Dabei werden wir wieder zwangsläufig mit dem sogenannten Erfolgsmodell der dualen Berufsausbildung konfrontiert. Hierbei kommen mir immer mehr Zweifel, ob die, insbesondere vom DIHK propagierte Erfolgsgeschichte wirklich noch gültig ist.

Welche Merkmale kennzeichnen beispielsweise unsere aktuelle, kaufmännische Berufsausbildung? Die Wissensvermittlung und Qualifizierung sowie die Kompetenzentwicklung im Ausbildungsbetrieb werden zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb aufgeteilt. In der Berufsschule wird das Fachwissen nach Curricula, die teilweise mehr als ein Jahrzehnt alt sind, meist im „klassischen“ Frontalunterricht, kombiniert mit Übungsphasen, durch eher theorieorientierte Lehrer vermittelt. Manche Betriebe, die dieser Qualifizierung nicht vertrauen, ergänzen diese Maßnahmen dann noch durch eigene Seminare. Grotesk wird es, wenn die gleichen Berufsschullehrer, die die Auszubildenden unterrichtet haben, wie ich es erlebt habe, von den Betrieben zusätzlich zur Prüfungsvorbereitung engagiert werden. Die Praxisausbildung findet weitgehend losgelöst von diesen Qualifizierungsmaßnahmen statt. Am Schluss wird das Ergebnis mit einer stark wissensorientierten Prüfung vor der IHK getestet. Viele Ausbilder messen Ihren Erfolg an diesen Prüfungsergebnissen.

Bei der Entwicklung von professionellen Bildungskonzeption steht immer die Zielsetzung am Anfang. In der betrieblichen Bildung orientiert sich diese jedoch immer an den strategischen Zielen eines Unternehmens. Deshalb müsste am Anfang einer Berufsausbildung die Frage stehen, welche Kompetenzen die zukünftigen Mitarbeiter in einem Unternehmen benötigen. Dieses Kompetenzprofil bildet dann den „Roten Faden“ der Berufsausbildung. Da Kompetenzen nur in realen Herausforderungen durch die Auszubildenden selbst entwickelt werden können, wird die Berufsausbildung in diesem Ansatz durch Praxiseinsätze und –projekte bestimmt. Die Ausbildung erfolgt also exemplarisch in repräsentativen Herausforderungen am Arbeitsplatz. Die Wissensvermittlung und Qualifizierung bleibt notwendige Voraussetzung für die Kompetenzentwicklung, wird aber sinnvollerweise in die Eigenverantwortung der Auszubildenden gelegt. Dabei gewinnt das „soziale Lernen“ im Netz, z.B. über eine Community of Practice, zunehmend an Bedeutung. Die Fähigkeit, selbstorganisiert lebenslang zu lernen, wird somit eine der wesentlichen Ausbildungsziele. Formelles und informelles Lernen werden dabei integriert.

Die Wissensvermittlung in einer gesonderten Berufsschule nach einem fremdorganisierten Unterrichtskonzept ist kontraproduktiv, weil es gerade das selbstorganisierte Lernen beinträchtigen würde. Es werden vielmehr integrierte Lernsysteme benötigt, in denen formelles und informelles Lernen verknüpft werden. Die Berufsschule hat hierbei als getrennte Qualifizierungseinrichtung keine Existenzberechtigung mehr. Die Entwicklung der Auszubildenden wird an ihrem Kompetenzprofil im Vergleich zum Soll-Profil gemessen. Dabei ist nicht entscheidend, wie viel sie wissen, sondern wie sie das vorhandene Wissen, das in ihrem Kopf, im Netzwerk oder im Netz abrufbereit steht, zur Lösung von realen Problemstellungen, nicht von sogenannten „entscheidungsorientierten“ IHK-Prüfungsaufgaben, einsetzen können. Auch die IHK-Prüfung wird überflüssig, die Kompetenzentwicklung in der Praxis zählt. Das man diese überzeugend messen kann, zeigen beispielsweise die Erfahrungen mit KODE und KODEX.

Die Rahmenbedingungen und insbesondere das Prüfungssystem der dualen Berufsausbildung lassen diese Lernkonzeption leider nicht zu. Es ist auch nicht zu erwarten, dass die IHK, trotz besseren Wissens, ihr lukratives Prüfungssystem zugunsten eines kompetenzorientierten Ausbildungsansatzes aufgibt oder dass die Berufsschulen eingespart werden. Die Lobby der Berufsschullehrer ist einfach zu stark. Manche Betriebe wechseln deshalb zu dualen Studiengängen, die zwar häufig auch durch eine hohe Wissensorientierung gekennzeichnet sind, aber mehr Freiheit in der Praxisausbildung zulassen. In Bayern und Baden-Württemberg, wo die Auszubildenden mit Abitur nicht berufsschulpflichtig sind, gestalten manche Betriebe die Berufsausbildung für ihre Auszubildenden alleine.

Es steht den Unternehmen aber offen, ihre betriebliche Ausbildung im Rahmen der dualen Ausbildung kompetenzorientiert zu gestalten und die Wissensvermittlung bzw. –sicherung in die Eigenverantwortung der Auszubildenden zu legen. Hierfür bieten sich praxis-projektbezogene Blended Learning Konzeptionen an, wie wir sie beispielsweise mit der Rheinisch-westfälischen Genossenschaftsakademie (RWGA) umgesetzt haben. Auch das (Neben-)Ziel einer überzeugenden IHK-Abschlussprüfung wird mit Hilfe dieses Lernkonzeptes optimal erreicht, weil die Auszubildenden sich mit E-Learning selbst überprüfen und ihre Wissenslücken gezielt füllen können. In den Fällen, in denen die Themen in der Berufsschule nicht mit der Praxisausbildung harmonieren, können sich die Auszubildenden ihr Wissen auch selbst erarbeiten. Damit wird Freiraum für die kompetenzorientierte Ausbildung in der Praxis geschaffen.

Solch eine zukunftsorientierte Konzeption zur Kompetenzentwicklung von Auszubildenden, wie sie beispielsweise im Bereich der RWGA erfolgreich umgesetzt wird, weist folgende Merkmale bzw. Vorteile auf:

· Praxis- und projektbezogene Kompetenzentwicklung der Auszubildenden,

· reduzierte Anzahl von innerbetrieblichen Seminartagen bei gleichzeitiger Erweiterung der Ausbildungsinhalte um vertriebsorientierte Maßnahmen,

· konsequente Förderung des eigenverantwortlichen Denken und Handeln von Anfang der Ausbildung an („Lebenslanges Lernen“),

· bedarfsgerechte Verknüpfung von Workshops, Tandem- und Gruppenarbeit sowie selbstorganisiertem Lernen mit E-Learning und Wissensmanagement unter Einbeziehung von Social Software (Web 2.0),

· unternehmensbezogene Web Based Trainings für den Lernbedarf der Teilnehmern und trotzdem

· optimale Vorbereitung auf die Kaufmannsgehilfenprüfung mittels E-Learning in Verbindung mit E-Coaching.

Werden die Computer in Zukunft so leistungsfähig sein, wie ich im letzten Blog beschrieben habe, kann dieses Konzept mit dem „Lernpartner Computer“ weiter optimiert werden. Ausbildung findet dann selbstorganisiert am Arbeitsplatz und in Projekten im Rahmen von Blended Learning Konzepten,im Netz(-werk) und mit dem Lernpartner Computer statt. Das aktuelle duale Ausbildungssystem wird dann noch fragwürdiger.

Ihr

Werner Sauter

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