Kompetenzzentren für Alles?

Gestern fuhr ich bei strahlendem Sonnenschein in der Nähe des Bodensees an einem großen Schild mit der Aufschrift „Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee“ vorbei. Meine spontane Eingebung war, der Begriff Kompetenzen wird wieder mal missbraucht. Nachdem ich mich aber etwas näher mit dem Zentrum beschäftigt hatte, wurde mir klar, dass ich dieses Zentrum zu Unrecht des Etikettenschwindels verdächtigt hatte. Geht man auf die Website (http://www.kob-bavendorf.de/ueber-uns/front-page), erhält man u.a. folgende Erläuterung: „Der Versuchsbetrieb am KOB bietet mit seinen umfangreichen und gepflegten Obstplantagen hervorragende Möglichkeiten für das angewandte Versuchswesen und die wissenschaftliche Forschung im Bereich Obstbau. Gleichzeitig dienen die Anlagen als Versuchs- und Demonstrationsgarten für die Obstbauberatung und die Obstbaupraxis sowie als Lehrobjekt zur Schulung von Auszubildenden im Obstbau und den interessierten Hobbyanbauer.“ Mit den Ergebnissen dieser Arbeit, d.h. der Ernte, wird ein Teil dieser Stiftung finanziert.

Diese Lernkonstellation wünsche ich mir auch für die wirtschaftliche Bildung. Heute versuchen wir mit Übungen, Fallstudien und Planspiel-Simulationen unsere Lerner auf die Herausforderungen der Praxis vorzubereiten. Dabei ist uns bewusst, dass diese Methoden die Realität in ihrer Komplexität niemals vollständig abbilden können und von den Lernern deshalb auch nicht als reale Herausforderung empfunden werden, was wiederum die Voraussetzung für Kompetenzentwicklung wäre.

Da wir aber die Kompetenzentwicklung am Arbeitsplatz oder beim Kunden nicht dem Zufall überlassen wollen, müssen wir den Weg gehen, die Lernprozesse in der Praxis über reale, herausfordernde Projekte mit den formellen Lernprozessen zu verknüpfen. Der Ansatz, den Austausch von Erfahrungswissen über Lerntagebücher zu ermöglichen, hat sich dabei als sinnvoll erwiesen, setzt aber ein Lernsystem mit hoher Verbindlichkeit voraus. Ich bin sicher, dass es die technische Entwicklung in absehbarer Zeit möglich machen wird, betriebswirtschaftliche Simulationen so zu gestalten, dass die Lerner die Lösung der Problemstellungen als echte Herausforderungen empfinden werden. Dann könnten wir den Lernern im Trainingszentrum mehr als Wissen und Qualifizierung vermitteln und systematisch auf die Herausforderungen in der Praxis vorzubereiten, so wie dies das Kompetenzzentrum Obstbau heute schon kann.

Man könnte schon ein bisschen neidisch werden…

Ihr

Werner Sauter

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