Kompetenzorientierte WBT – ist das überhaupt möglich?

Web Based Trainings sind im Regelfall Elemente formeller Lernprozesse, die vor allem die Aufgabe haben, gesichertes Wissen zu vermitteln und über Übungen zu festigen. Kompetenzentwicklung findet dagegen selbstorganisiert in realen Herausforderungen in der Praxis und in Projekten statt, basiert also vor allem auf informellen Lernprozessen. Bedeutet dies, dass wir in Kompetenzentwicklungsprozessen keine WBT mehr benötigen? Falls doch, wie müssen sie gestaltet sein?

Es gibt keine Kompetenzen ohne Wissen und Qualifikation. Deshalb ist die Wissensvermittlung und –sicherung immer die notwendige Voraussetzung von Kompetenzentwicklungsprozessen. Wir können uns gut vorstellen, dass zukünftig semantische Systeme dazu beitragen, dass das erforderliche Wissen passgenau, z.B. aus Open Resources, zur Verfügung gestellt wird. Bis dahin können wir Kompetenzlernen aktiv ermöglichen, indem wir den Lernern das notwendige Wissen über effiziente Lernsysteme zur Verfügung stellen. Damit kommt den WBT weiterhin eine wichtige Rolle im Kompetenz-Lernprozess zu. Hierbei ist auch zu berücksichtigen, dass unsere heutigen Lerner nahezu ohne Ausnahme aus einer Lernwelt kommen, die tendenziell fremdgesteuert ist. Deshalb sind sie es gewohnt, das notwendige Wissen didaktisch-methodisch aufbereitet vermittelt zu bekommen.

Web Based Trainings der ersten und zweiten Generation haben das Prinzip des fremdgesteuerten Lernens ins Netz übertragen. In Kompetenzentwicklungssystemen, die der Forderung nach Selbstorganisation und Problemorientierung der Lernprozesse gerecht werden, müssen die WBT aber eine fundamental veränderte Rolle übernehmen. Damit wandeln sich aber auch die Anforderungskriterien und die Gestaltungselemente.

Kognitiver Konflikt und Neugier sind die Hauptmechanismen, die Lerner zum Lernen motivieren. Auch in Web Based Trainings ist nach den vorliegenden Untersuchungen Konfliktinduzierung, die Voraussetzung für Kompetenzlernen, möglich. Für die Gestaltung von Lernprogrammen sind unter diesem Aspekt folgende Erkenntnisse von Bedeutung.

Kompetenzorientierte Lernprogramme

  • sind nicht das Endprodukt, sondern die notwendige Voraussetzung für Kompetenzlernen,
  • orientieren sich am Vorwissen und an der Erfahrungswelt der Lerner,
  • ermöglichen vielfältige Interaktionen zwischen den Inhalten und dem Lerner, aber auch zwischen den Lernern und Experten (Lernen im Netz),
  • geben den Lernern einen Spielraum, selbst zu entdecken, kreativ zu sein und Inhalte selbst zu erstellen,
  • beinhalten heraufordernde (dissonanzerzeugende) Transferaufgaben oder Projektaufträge,
  • ermöglichen bzw. initiieren Feedback auf die Aktionen der Lerner, z.B. in den Workshops und über eine Community of Practice,
  • unterstützen die Lerner inhaltlich und methodisch bei der Problemlösung,
  • lassen den Lernern die Möglichkeit, ihren Kompetenzlernprozess weitgehend selbst zu gestalten und zu organisieren,
  • werden laufend auf Basis der Arbeitsergebnisse der Lerner dynamisch weiter entwickelt.

Eine „echte“ Interaktion zwischen Lerner und Lernprogramm, die diesen Anforderungen genügt, ist in der Praxis, meist schon aus Kostengründen, kaum möglich. Deshalb ist es wichtig, dass Lernprogramme zielorientierte Konflikte induzieren. Dies ist z.B. dadurch möglich, dass über dissonante Übungen und Transferaufgaben aus dem WBT die Lerner in ihrem Erfahrungsbereich eigene Lösungen entwickeln, die sie in einer Community of Practice analysieren und gemeinsam weiter entwickeln. Damit bewegen sich die Lerner wieder in ihrem gewohnten Bereich der Konfliktbearbeitung. Mit dem Konzept der kontextsensitiven Wissensbasis gibt das Lernprogramm dabei „minimale“ Hilfe bei der Konfliktlösung.

Komplexe Sachverhalte werden also nicht durch künstliche Vereinfachung, wie dies in Web Based Trainings erforderlich ist, sondern über die Anwendung des transferierten Wissens in realen Problemstellungen vermittelt. Anschaulichkeit ergibt sich nicht dadurch, dass man Sachverhalte, wie z.B. in Fallstudien, verkürzt, sondern durch die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln und zu reflektieren.

Kompetenzorientierte WBT werden damit Teil eines übergreifenden Kompetenz-Lernsystems, indem Sie selbstorganisierte Kompetenz-Lernprozesse ermöglichen. Dadurch werden sie ein notwendiger Bestandteil von Kompetenzentwicklungsprozessen.

Ihr

Werner Sauter

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