Kompetenzmessung mit Persönlichkeitstests – Geht das überhaupt?

Um es gleich vorweg zu sagen, es geht nicht! Auch wenn das immer wieder in Vorträgen und Hochglanzbroschüren behauptet wird.

Kompetenzen schlagen sich  immer in Handlungen nieder. Sie sind keine Persönlichkeitseigenschaften. Noch immer werden in zahlreichen Unternehmen und Organisationen wunderbar objektive, reliable und valide Persönlichkeitstests eingesetzt und von versierten, testtheoretisch bestens geschulten und  statistische Methoden perfekt beherrschenden Psychologen zu einem Maßstab von Personalauswahl und Personalentwicklung gemacht. Dagegen gibt es ernsthafte Einwände.[1]

Die sehr stabilen Persönlichkeitseigenschaften sind für Unternehmen viel weniger interessant als die zuweilen schnell veränderbaren, trainierbaren Handlungsfähigkeiten in Form von Kompetenzen.[2] Zudem ist der Schluss von Persönlichkeitseigenschaften auf Handlungsfähigkeiten fragwürdig. Selbst wenn beispielsweise die Persönlichkeitseigenschaft Extraversion zu 90 % mit einer hohen Akquisisitonsstärke gekoppelt wäre, kann sich ein Unternehmen gehörig und kostenaufwendig irren, wenn es zufällig an einen der 10 % gerät, der zwar vollkommen extrovertiert, aber bei Akquisitionsaufgaben ein gänzlicher Versager ist.

Kompetenzmessungen schließen deshalb vom aktuellen Handeln auf vorhandene Handlungsfähigkeiten, nicht auf verborgene Persönlichkeitsmerkmale. Der beste Prädiktor für zukünftiges Handeln, und damit für Kompetenzen, ist vergangenes Handeln.

Das „Handbuch Kompetenzmessung“ von John Epenbeck und Lutz von Rosenstiel fasst etwa 50 etablierte Messverfahren zusammen. [3] Als Königsweg zur Kompetenz erweist sich dabei mehr und mehr die kluge Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren, wie sie beispielsweise in KODE® und KODE®X umgesetzt wird. . Im Zentrum steht dabei meist ein Rating, d.h. eine skalierte Abfrage von Kompetenzen, die vom jeweiligen Kompetenzmodell vorgegeben werden. Ist beispielsweise die Kompetenz „Teamfähigkeit“ zu beurteilen, so wird auf einer festgelegten Skala von 0 (nicht vorhanden) bis zum Maximalwert (in höchstmöglicher, übertriebener Ausprägung vorhanden) gemessen. Dabei wird neben Selbsteinschätzungen die Einschätzung von Lernpartnern, Kollegen oder Führungskräften erhoben.

Gegen Ratingverfahren gibt es bei klassisch psychometrisch ausgebildeten Psychologen große Vorbehalte. Aber „.unter gewissen methodischen Voraussetzungen sind solche Verfahren das einwandfreie Mittel der Wahl.“[4]  Diese Ratingverfahren nutzen dabei die Fähigkeit des menschlichen Gehirns zur „Indikatorenverschmelzung“, d.h. zur automatischen Integration einer Vielzahl von Einzelindikatoren, die sich in ihrer Wirkung in einer fast unentwirrbaren Weise verstärken, aufheben oder sonst in Wechselwirkung treten.[5]

Diese Kompetenzmessverfahren haben entscheidende Vorteile. In vielen Fällen gibt es kaum eine Alternative, die dem Untersuchungsgegenstand angemessen wäre. Kein anderes psychologisch-soziologisch-pädagogisches Messverfahren kommt so nah an die Ergebnisrealität von Menschen und deren alltäglich zur Lebensbewältigung praktiziertes Einordnen ihrer Umwelt heran, wie diese Rating-Methode.[6]

Dieser Zielfindungsprozess führt dazu, dass die Überlegungen aller Beteiligten sich primär um die Kompetenzentwicklungsprozesse in Praxisprojekten und den Austausch von Erfahrungswissen drehen. Damit wird bereits heute kompetenzorientiertes Lernen in Netzwerken ermöglicht.


[1]  Diese Gedanken basieren weitgehend auf folgendem Beitrag: Erpenbeck, J.; Hasebrook, J. (2011): Sind Kompetenzen Persönlichkeitseigenschaften?, in: Faix, W.; Auer, M. (Hrg.): Kompetenz, Persönlichkeit, Bildung, Stuttgart, S. 227 – 262

[2] Hossip, r.; Mühlhaus, O. (2005): Personalauswahl und –entwicklung mit Persönlichkeitstests, Göttingen, Bern, Wien…, S. 15 f.

[3] Erpenbeck, J.; von Rosentstiel, L. (2. Auflage 2007): Handbuch Kompetenzmessung. Erkennen verstehen und bewerten von Kompetenzen in der betrieblichen, pädagogischen und psychologischen Praxis, Stuttgart

[4]  Wirtz, M.; Caspar, F. (2002): Beurteilerübereinstimmung und Beurteilerreliabilität. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle, S. 3

[5]  Langer, I.; Schulz von Thun, F. (1974/2007): Messung komplexer Merkmale, in: Psychologie und Pädagogik. Ratingverfahren. Münster, New York, München, Berlin S. 20

[6]   Ebenda, S. 10, 22

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