E-Learning zwischen Vision und Alltag

Vergangene Woche konnte ich in Wien auf der Austrian eLearning Conference in meiner Keynote (http://www.aelc.at/content/index_ger.html), gestern  bei der DNUG Frankfurt (http://dnug.de/dnug/cms.nsf/id/39Konferenz.htm), unsere Konzeption des Workplace Learning vorstellen. Die Frage, wie kollaboratives Lernen ermöglicht werden kann, bewegt offensichtlich die Gemüter. Die Diskussionen zeigten mir, dass viele bereits intensiv darüber nachdenken, einige auch bereits erste Umsetzungskonzepte realisieren.

Besonders beeindruckt hat mich die Diskussion mit Dietmar Johlen, Schulleiter an einer hessischen Berufsschule. Er stellte sein Lernschrittkonzept vor, das auf dem Prinzip des selbstorganisierten Lernens basiert. Damit erlebt diese Schule eine völlig neue Lehr- und Lernkultur, ohne abgegrenzte Klassenräume und 45-Minuten-Schulstunden, die ich bisher nicht für möglich gehalten habe. Ich empfehle Ihnen, sich die Beschreibung unter https://app.box.com/s/484d5412b008c198f1e0 herunter zu laden. Sie werden dort viele wertvolle Anregungen finden. Es wäre schön, wenn solche Ansätze sich in unseren Schulsystemen, insbesondere auch in den Gymnasien, weiter  ausbreiten würden.

Im Hochschulbereich rechne ich zu den Ansätzen kollaborativen Lernens die immer größere Zahl von MOOC – Massive Open Online Courses -, deren Elemente ich als eine wichtige Bereicherung der betrieblichen Bildungssysteme sehe. Hierzu passt der neue Sammelband zur letzten GMW-Tagung, über den ich eine Rezension geschrieben habe.

Claudia Bremer und Detlef Krömer haben zur GMW-Jahrestagung „Neue Medien in Bildung und Forschung – Vision und Alltag – Zum Stand der Dinge“ einen Sammelband heraus gebracht ( Waxmann 2013 Münster, New York, München, Berlin). Sie sehen die Entwicklung und Implementierung von E-Learning Szenarien als Spagat zwischen Visionen und Alltag. Die Herausgeber bearbeiten dieses Handlungsfeld, indem sie vielfältige Fachbeiträge von Experten aus Hochschulen zusammen geführt haben. Hierbei standen folgende Leitfragen im Vordergrund:

  • Welche Produkte, Technologien und Konzepte haben sich in den vergangenen fünf Jahren im Bereich des Medieneinsatzes in Forschung und Lehre an Hochschulen und Universitäten etabliert?
  • Wo wurden lernförderliche Änderungen angestoßen und nachhaltig umgesetzt?
  • Welche Trends spielen aktuell eine Rolle und welche werden in naher Zukunft Bedeutung erlangen? Welche Rolle spielen dabei Phänomene wie z.B. Serious Games, mobiles und gestenbasiertes Lernen und Learning Analytics in unserem gegenwärtigen und zukünftigen Hochschulalltag? Welche technologisch gestützten Neuerungen sind absehbar und welche dieser Trends könnten sich in Zukunft (und aus welchen Gründen) durchsetzen?
  • Welche Entwicklungen zeichnen sich hinsichtlich der Rolle digitaler Medien in der Forschung ab?

Die Herausgeber haben zur Beantwortung dieser Fragen Beiträge zusammen geführt, die empirische Untersuchungsergebnisse, theoriegeleitete Ansätze, Beispiele und Erfahrungsberichte zur Umsetzung und Integration didaktischer und technologischer Trends in der Hochschullehre und der Forschung, Beschreibung von Veränderungsprozessen, Ansätzen der Organisationsentwicklung und strategischen Ausrichtung von Hochschulen im Hinblick auf digitale Medien und deren Nutzung für Forschungszwecke umfassen.     

Autoren

Die Mit-Herausgeberin Claudia Bremer leitet zusammen mit Detlef Krömker studiumdigitale, die zentrale E-Learning-Einrichtung der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Außerdem koordiniert sie das Projekt Lehr@mt „Medienkompetenz in allen drei Phasen der Hessischen Lehrerbildung“. Sie berät Lehrende  der Hochschulen sowie von Unternehmen und Bildungseinrichtungen bei der Entwicklung und Implementierung von E-Learning Projekten. Weiterhin ist sie die Pionierin von MOOC im deutschsprachigen Raum.

Der Mit-Herausgeber Detlef Krömker ist Professor für Grafische Datenverarbeitung an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main. Vorher war er 15 Jahre lang Mitarbeiter am Fraunhofer-Institiut für grafische Datenverarbeitung in Darmstadt.

Die Autoren der verschiedenen Beiträge in diesem Sammelband stammen nahezu alle aus dem Hochschulbereich.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen der GMW-Jahrestagung 2013 unter dem Titel „Neue Medien in Bildung und Forschung – Vision und Alltag – Zum Stand der Dinge“ sollte eine Bestandserhebung der heutigen Integration digitaler Medien in den Hochschulalltag, in die Lehre, in die Forschung wie auch in Verwaltungsprozesse vorgenommen werden. Daneben wollten die Ausrichter dieser Tagung, die gleichzeitig auch Herausgeber dieses Bandes sind, zukünftige Trends aufspüren sowie deren Potentiale und erste Umsetzungen in der Praxis betrachten.

Aufbau und Inhalt

Das Werk besteht aus 58 Einzelbeiträgen mit jeweils bis zu 12 Seiten Umfang. Teilweise beschreiben die Artikel lediglich, was in den Präsentationen oder Workshops diskutiert werden soll. Die Einteilung in thematische Abschnitte ist für den Leser schwer nachvollziehbar und orientiert sich vermutlich mehr am Tagungsablauf.

Zu Beginn werden von Claudia Bremer und Anne Thillosen die Erfahrungen mit dem Open Online Course OPCO12 sehr fundiert dargestellt und Fragen rund um Massive Open Online Courses – MOOC – diskutiert. Danach werden Mobilapplikationen, der Einsatz von Tablets in der Hochschullehre sowie die Lerner-orientierte  Entwicklung von digitalen und reflexiven Bildungsmedien am Beispiel der dualen Ausbildung beleuchtet. In einem weiteren Beitrag setzen sich die Autoren mit der Integration von E-Learning Innovationen im Lehralltag auseinander und plädieren dafür, insbesondere die Rahmenbedingungen des Lehralltags stärker zu berücksichtigen.

Kerstin Mayrberger entwickelt ein Modell partizipativer Mediendidaktik, der nicht nur für den Hochschulkontext gelten soll. Sie plädiert für einen „Medienbildungsraum“, der partizipatives Lernen ermöglicht. Danach muss der Leser zu Frage des Einsatzes interaktive Whiteboards in der Gruppenarbeit springen, um dann die „Erfindung“ des kollaborativen Mathematik E-Learning nachzulesen. Eine empirische Erhebung der Lernwirksamkeit des Einsatzes Neuer Medien im kaufmännischen Unterricht zeigt, dass diese nicht direkt auf den Einsatz von Neuen Medien, sondern auf die Gesamtkonzeption zurück zu führen ist. Das Weingartner Modell der Lehrerbildung zielt darauf, dass die Lehramts-Studierenden ihr eigenes Unterrichtshandeln kritisch reflektieren. Danach wird der Versuch aufgezeigt, Medienkompetenzen und medienpädagogische Kompetenzen im Rahmen einer 90-minütigen Präsenzveranstaltung mit direkter Instruktion und einem fragend-entwickelnden Präsenzunterricht (!) zu „vermitteln“. Nachdem die ernst zu nehmende pädagogische Fachliteratur zum einen aufzeigt, dass Kompetenzen nicht „vermittelt“ werden können und die Methode des fragend-entwickelnden Unterrichts („Osterhasen-Pädagogik“, vgl. Wahl, D. 2013) sich als unsinnig erwiesen hat, wundert dieses Beitrag in diesem Sammelwerk sehr.

Einem Blended Learning Beispiel für den Biologieunterricht folgt die Darstellung einer virtuellen Vorlesung in Physikalischer Chemie sowie eine Untersuchung der Motivation von Studierenden, das Learning Management System Moodle zu nutzen. Nachdem ein Community of Practice „Impulswerkstatt Lehrqualität“ sowie ein Konzept zur Online-Weiterbildung in KMU vorgestellt wurden, werden Ansätze didaktischer Entwurfsmuster und kommunikative Gattungen einander gegenüber gestellt.

Leider ist der Beitrag von Rolf Schulmeister nur ein 1 ½-seitige Zusammenfassung seines Vortrages, die zwar Appetit macht, aber keine wirklichen Antworten gibt. Danach wird wieder ein E-Portfolio-Konzept, danach ein Online-Studienwahl Assistent vorgestellt, um dann auf das Thema E-Learning in der Eingangsphase des Philosophiestudium zu springen. Etwas ratlos läßt den Leser dann eine Beschreibung eines interaktiven 3D-Modells eines Gebäudes der Frankfurter Universität zurück. Danach wird nunmehr ein Überblick über den Stand der Kooperation und Social-Media-Nutzung  in Forschung, Lehre und Promotions-Studium gegeben.  Beleuchtet werden dann Mobile Classroom Response Systeme, Unterstützung durch Smartphones in der Lehre und Audience-Response-Systeme für Peer-Assessments um dann das Konzept zur Untersuchung der  Frage, was typische E-Learner sind, vorzustellen. Leider muss der Leser auf die Ergebnisse dieser Untersuchung aber noch warten.

Was mit den Kurzbeschreibungen der Workshops am Ende des Buches mit insgesamt 35 Seiten erreicht werden soll, bleibt unklar. Dem Leser wird lediglich vermittelt, dass er Workshops zu Themen wie Open Learning, in der Medienpädagogik, Evaluierungsmethoden, Blended Learning Szenarien in der Semantiklehre, mobile Anwendungsmöglichkeiten im Lernbereich, Autorenumgebungen, E-Portfolio-Ansätze, Online-SelfAssessments, Microlearning-Apps, virtuelle Exkursionen, wieder mal MOOC-Ansätze (nunmehr in der Medienpädagogik), Förderansätze von Medienkompetenzen, Inverted Classroom Modelle, nochmals Online-Self-Assessments, MOOC, E-Portfolio… versäumt hat.

Fazit

Diese Band spiegelt die Dokumente wider, die zu Beginn der GMW-Jahrestagung von den Referenten vorgelegt wurden. Während einige Beiträge innovative Lehr- und Lernansätze kompakt und aussagefähig zusammenfassen, hat eine Vielzahl von „Artikeln“ lediglich den Charakter von Vortrags- oder Workshop-Ankündigungen. Deshalb kann der Leser bei vielen Beiträgen keine neuen Erkenntnisse gewinnen.

Besonders kritisch sehe ich die unreflektierte Aneinanderreihung der einzelnen Beiträge. Mich hätten viel mehr die Ergebnisse in den Diskussionen und Workshops interessiert. Wie schön wäre es beispielsweise, zu erfahren, was Rolf Schulmeister zum Thema Lernerfolg oder Claudia Bremer und Oliver Tacke zu den Möglichkeiten und Grenzen von MOOC mit ihren Teilnehmern besprochen haben. Damit ergibt sich ein Sammelsurium von 58 Einzelbetrachtungen. Dadurch ist es kaum zu vermeiden, dass antiquierte und nachweislich ineffektive Lehr- und Lernsätze vorgestellt werden, ohne sie kritisch zu hinterfragen.

Es ist sehr schade, wenn die verdienstvolle Arbeit der Veranstalter und Herausgeber dieses Werkes nicht dafür genutzt wird, eine Basis für eine intensive Diskussion der vorgestellten Ansätze zu initiieren. Dafür wäre es aber nötig, die wesentlichen Ergebnisse aus den Diskussionen im Rahmen der Tagung zu integrieren. Erst damit könnte der Anspruch dieses Buches, E-Learning zwischen Vision und Alltag zu beleuchten, tatsächlich erfüllt werden.

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