Arbeitsfrei – eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen

Das neue Buch von Constanze Kurz und Frank Rieger, die beide aus dem Umfeld des Chaos Computer Club stammen,  hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Wenn unsere Lernsysteme die zukünftigen Entwicklungen in der Arbeitswelt vorwegnehmen sollen, dann müssen wir uns  mit diesen Trends beschäftigen, die von den Autoren sehr fundiert beschrieben werden . Dieses Buch hat mir geholfen, diese Veränderungen besser zu verstehen.

Der jeweilige Stand  der Technologie hat die Struktur der Gesellschaft, das Zusammenleben, die Kommunikation, die Arbeit und die ökonomischen Zustände beeinflusst und manchmal direkt bestimmt. Neue Technologiewellen haben meist zu dramatischen Umwälzungen geführt. Deren Ausmaß wurde vor allem durch die Geschwindigkeit der Umsetzung und die Zahl der direkt und indirekt betroffenen Menschen bestimmt.

Länder, in denen sich eine Technologie zuerst in großem Umfang durchsetzte, hatten einen teils über Jahrzehnte anhaltenden wirtschaftlichen Vorsprung, häufig verbunden mit wirtschaftlichen und sozialen Spannungen.  Dies gilt auch für die aktuellen technologischen Umwälzungen, insbesondere im Bereich der Digitalisierung und Vernetzung, durch die Beschleunigung der Kommunikation und Datenverarbeitung und aufgrund der weitreichenden Automatisierung und immer „intelligenter“ werdenden Algorithmen.

Angesichts der zunehmenden Automatisierungen und neuester Technologien gewinnt die Frage an Bedeutung, wie wir morgen arbeiten werden. Welche Konsequenzen ergeben sich aus der verstärkten Rolle von Computersystemen im Arbeitsprozess für die menschliche Arbeit und welche Konsequenzen leiten sich daraus für unsere Gesellschaft und die Politik, insbesonders aber für  die Sozial- und Bildungssysteme heute und in der Zukunft ab?

Die Vision von Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen, wird immer greifbarer. Die Maschinen entwickeln sich zu direkten Kollegen. Daraus ergibt sich die Frage, wo und wie diese Umwälzungen stattfinden und was die Zukunft bringen wird. Nur wenn wir diese Fragen beantworten können, können wir die Zukunft planen und positive Visionen entwickeln. Zukünftig wird nicht mehr die Maschine sondern der Mensch der limitierende Faktor sein.  Die Frage, wie die technologischen Umbrüche bewältigt werden können ist deshalb eines der Kernprobleme unserer Zeit.

Im ersten Teil des Werkes „Vom Bauern zum Brot“ untersuchen die Autoren beispielhaft, wie sich die Produktion des Brotes in den letzten hundertfünfzig Jahren verändert hat, welche Mechanismen dabei festzustellen sind und welche Auswirkungen dies auf die Struktur der Wirtschaft und der Gesellschaft hatte. Während damals über die Hälfte der Bevölkerung, in der Landwirtschaft tätig waren, sind dies heute weniger als fünf Prozent.

Die Autoren haben für Ihre Untersuchungen den Bereich der Landwirtschaft gewählt, weil dort die Technologieentwicklung oft viel weiter ist, als man allgemein annimmt. Deshalb betrachten sie heutige Bauernhöfe und Agrarfabriken, Landmaschinenbetriebe und Mühlen. Sie untersuchen die Transport- und Lagerlogistik  und die Märkte für landwirtschaftliche Güter, aber auch die Druckereien, die die Verpackungen für die Lebensmittel herstellen, die Bäckereien und automatischen Backstraßen sowie  die Verarbeitung des Erdöls, das für diese Prozesse benötigt wird.

Im zweiten Teil „In die Zukunft der Arbeit“ schauen die Autoren in die Zukunft, zu den Industrierobotern, zu automatisch fahrenden Autos, immer intelligenteren und flexibleren Robotern, zu Telepräsenzsystemen und Drohnen, aber auch zu „freundlichen“ Maschinen, die uns die Arbeit abnehmen bis hin zur Automatisierung geistiger Tätigkeit. Dabei gehen sie auch auf die gesellschaftlichen und sozialen Konsequenzen, aber auch die Entwicklung des Wissens, der Fertigkeiten und Fähigkeiten der Arbeitnehmer ein.

Dabei erstaunen die Dimensionen, aber auch die Geschwindigkeiten der Veränderungen, in denen die Bedeutung des Menschen und seiner physischen Arbeitskraft für die Produktion von Gütern immer weniger wichtig wurde.  Die Autoren zeigen anhand einer Vielzahl von anschaulichen Beispielen, wie sich die Computer im Prozess der Arbeit zunehmend zu direkten Konkurrenten der Menschen entwickeln. Dies gilt immer mehr auch für Arbeitsplätze, die Denkleistung erfordern. Gleichzeitig arbeiten sie aber auch die Chancen heraus, die dadurch entstehen, dass die Menschen Freiraum für interessantere und schöpferischere Arbeit erhalten.

Die Automatisierung des Geistes, die Ablösung menschlicher Hirntätigkeit durch Software und Algorithmen, hat das Potential, die Arbeits- und Lebenswelt noch stärker zu verändern, als es durch die Roboterisierung und Automatisierung der Produktion bereits eingeleitet ist. Diese Prozesse finden weitgehend im Verborgenen statt. Wissen, Intuition und Emotionen werden durch Software nachgebildet, Statistiken, Optimierungs- und Wahrscheinlichkeitsrechnungen ersetzen Entscheidungen von Menschen. So wird beispielsweise heute bei der Kreditvergabe durch die Banken die Entscheidung über Ratingsysteme weitestgehend durch den Computer getroffen, die Bankmitarbeiter können diese ihren Kunden nur noch erklären. Der Börsenhandel findet heute weitgehend automatisch statt.

Die Logik der Software bestimmt mehr und mehr die Prinzipien, nach denen ein Unternehmen strukturiert und aufgebaut ist. Die Vernetzung von Produktionsunternehmen und Zulieferern wird immer enger. Sind die Rahmenverträge einmal geschlossen, übernehmen die Computer die Abwicklung. Aber auch die Berufsbilder ändern sich oder werden teilweise überflüssig. Klassische Sekretariatsaufgaben, wie z.B. Schreiben nach Diktat, verschwinden zunehmend. In Verwaltung, Logistik, Planung und Kontrolle werden immer weniger Menschen benötigt, während Softwareentwicklung, Design, Konstruktion sowie Koordination und Management ihre Bedeutung behalten werden. Viele der neuen Jobs in der „digitalen“ Wirtschaft, wie Social-Media-Berater, Internetagenturen oder Webdesigner, haben die Erwartungen nicht erfüllt. Oftmals sind sie unterbezahlt oder werden zunehmend durch Standard-Systeme ersetzt.

Selbst kreative Aufgaben, wie z.B. die Entwicklung von Quartalsberichten oder Zeitungsmeldungen, können zukünftig Computer übernehmen. „Intelligente“ Computersysteme können Zusammenhänge und Korrelationen erkennen, Gespräche in Call-Centern steuern und bald direkt mit den Kunden sprechen. Dabei können immer größere Datenmengen zu kostengünstigeren Bedingungen verarbeitet werden.

Bisher wurde noch keine echte künstliche Intelligenz geschaffen, die dem Menschen gleich kommt. Jedoch sind bereits Teilbereiche unseres Denkens, Erinnerns und Einschätzen in Software und Algorithmen gegossen worden. Es kann damit eine neue Symbiose zwischen Mensch und Maschine entstehen, mit der die Arbeit erleichtert und der Geist des Menschen für anspruchsvollere, interessantere und verantwortungsvolle Aufgaben frei gemacht wird.

Am Schluss des Buches diskutieren die Autoren die Frage, wie die Voraussetzungen für eine neue Arbeitswelt geschaffen werden können, in denen Mensch und Maschine nicht gegeneinander stehen, sondern sich eine fruchtbare Kooperation entwickelt In zehn bis fünfzehn Jahren werden humanoide, d.h. menschenähnliche Computer, in der Lage sein, auch in komplexen, unübersichtlichen Umgebungen Routinewartungsaufgaben selbständig zu erledigen oder per Telepräsenz durch den Menschen ferngesteuert, größere Probleme zu lösen.

Aus den technologischen Entwicklungen ergeben sich neue Anforderungen an das Bildungssystem. Benötigt werden immer mehr Persönlichkeiten, die durch kreatives Denken, ungewöhnliche Ansätze und die Einbeziehung von Erkenntnissen  von außerhalb ihres Fachgebietes den Fortschritt voranbringen. Dagegen versucht die Bildungspolitik mit Ansätzen wie PISA, stumpf den nominellen durchschnittlichen Bildungsstand zu erhöhen. So fehlt in den Schulen eine computergestützte Mathematik, bei der die Kinder mit Hilfe geeigneter Lernsoftware früh Spaß am Denken in komplexen Zusammenhängen und Algorithmen herausbilden und entwickeln können. Statt solider fachübergreifender Bildung gibt es Berufsausbildungen, die sich oftmals an jahrzehntealten Curricula orientieren, und eine ganze Generation an Bachelors, die sich durch standardisierte, faktenorientierte Prüfungsaufgaben gekämpft haben.

Abschließend gehen die Autoren auch auf die gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen dieser Entwicklung ein. Die sozialen Sicherungssysteme werden durch Phasen verstärkter Arbeitslosigkeit, die durch neue Technologien entstehen, belastet, das Machtgefüge wird sich zu den Eigentümern der Produktionsmittel verlagern, die Steuersysteme müssen entsprechend angepasst werden. So wie heute die Infrastruktur, Bildung oder Verwaltung von der Gemeinschaft finanziert werden, müssen zukünftig auch die Folgen der technologischen Entwicklung für die Arbeitnehmer aufgefangen werden.

Andererseits bietet die technologische Entwicklung vielfältige Optionen, Tätigkeiten, die wir nicht mehr erledigen können oder wollen, auf Maschinen zu verlagern. Gleichzeitig können auch ältere Menschen sinnerfüllte und produktive Tätigkeiten zu ausüben. Die Frage, wie die Früchte dieser Entwicklung verteilt werden, ist dabei eine der Kernfragen unserer Zeit. Deshalb müssen jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden, damit eine positive, zukunftsgewandte und technologiebejahende Zukunft eingeleitet wird.

Der Ansatz, die Entwicklungsgeschichte der letzten einhundertfünfzig Jahre am Beispiel der Agrarindustrie aufzuzeigen, ist sehr gut gelungen. Dieser Bereich eignet sich dafür besonders, da er eine außergewöhnliche technologische Entwicklung erfahren hat, die den meisten Lesern vermutlich nicht wirklich bewusst sein wird.

Darauf baut eine fundierte Ableitung der Trends und deren Konsequenzen der technologischen Entwicklung bis in die Sozial- und Bildungssysteme, aber auch die Gestaltung unseres zukünftigen politzischen Systems ab. Auch wenn man nicht alle Schlussfolgerungen mit den Autoren teilt, schaffen Sie es an vielen Stellen, den Leser zum kritischen Nachdenken über unsere aktuellen Systeme und Strukturen sowie den Entwicklungsbedarf in Gesellschaft und Politik anzuregen.

Dieses Fachbuch ist ungewöhnlich spannend und anschaulich geschrieben. Den Autoren gelingt es, Entwicklungsstränge in Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft besonders anschaulich und verständlich darzustellen. Dabei zeigen sie in den einzelnen Abschnitten jeweils die Vernetzungen zwischen Technik, Ökonomie, Gesellschaft und Bildung sehr gut nachvollziehbar auf. Deshalb habe ich dieses Buch mit großem Gewinn und Freude gelesen.

Autoren

Die Autoren stammen beide aus dem Chaos Computer Club, in dem sie weiterhin aktiv sind.

Constanze Kurz, 1974 in Berlin geboren und aufgewachsen, studierte zunächst Volkswirtschaftslehre und wechselte dann zur Informatik. Erfahrungen sammelte sie als wissenschaftliche Projektleiterin am Forschungszentrum für Kultur und Informatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Sie hat mehrere Bücher zum Datenschutz veröffentlicht. Alle vierzehn Tage schreibt sie in der FAZ die Kolumne „Aus dem Maschinenraum“.

Frank Rieger, 1971 geboren, ist technischer Geschäftsführer eines Unternehmens für Kommunikationssicherheit Er hat mehrere deutsche Startup-Unternehmen in den Bereichen Datensicherheit, Navigationsdienste und E-Reading mitbegründet. Mit Constsanze Kurz veröffentlichte er 2011 das Buch „Die Datenfresser. Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen“.

Constanze Kurz, Frank Rieger: Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen. Riemann Verlag (München) 2013. 250 Seiten. ISBN 978-3-570-50155-9. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.

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