PISA – das große Missverständnis

Über die Qualität von Schule oder Bildung sagt PISA nichts!.

Diesem Fazit, zu dem die FAZ kam, kann man leider nur zustimmen. Dies hindert unsere Politiker und weite Teile der Medien nicht daran zu frohlocken, weil wir in Deutschland nun etwas aus dem Mittelfeld dieser fragwürdigen Messung herausgewachsen sind. Neidisch schauen manche Kommentatoren auf ostasiatische Schulsysteme in  Shanghai, Singapur, Hongkong und Korea, die wieder an der Spitze der Rangliste stehen und erneut von einem schon hohen Ausgangsniveau her große Zuwächse erzielten.

Ich kann über diese Einschätzungen nur staunen. Wollen wir wirklich in Deutschland auch Drillschulen asiatischer Prägung mit reinem Frontalunterricht ohne offene Kommunikation mit dem Lehrer, stundenlangem Wiederholen von Aufgaben mit Nachhilfelehrern, ohne kooperative Lernformen oder Bewertung mündlicher Leistungen, ausschließlich auf Klausurergebnisse fixiert, entwickeln? Nur dann werden wir nämlich diese fälschlich als „Kompetenzen“ bezeichneten Leistungen erzielen können.

PISA hat sicherlich dazu beigetragen, das Bildung wieder ein Thema in der Öffentlichkeit wurde und damit ernster genommen wird. Es werden aber jedes mal andere Schüler gemessen, so dass man keine Entwicklungen, evtl. im Zusammenhang mit innovativen Lernmethoden, mittels Längsschnittstudien,  erkennen kann. Nicht einmal Unterschiede in den einzelnen Bundesländern werden veröffentlicht.

Diese Untersuchung sagt leider auch nichts darüber aus, warum die deutschen Schüler besser geworden sind. Vielleicht liegt es ja auch nur daran, dass die Kinder heute immer früher eingeschult werden und damit mehr Unterricht bis zum 15. Lebensjahr erfahren haben. Möglicherweise hat die PISA-Diskussion dazu geführt, dass die Eltern mehr Nachhilfeunterricht ordern oder die dritte Einwanderergeneration verhält sich in der Kindererziehung anders als die früheren „Gastarbeiter“. Außerdem sind immer mehr Schüler auf dem Gymnasium, wo sie (hoffentlich) einen intensiveren Fachunterrricht erfahren. Vielleicht wurden aber auch die Aufgaben in den Lehrbüchern und im Unterricht immer mehr den Aufgabenstellungen  der PISA-Tests angepasst. Wir wissen trotz PISA schlicht und einfach nicht, was wirklich geschehen ist. PISA bringt uns also keinen neuen Erkenntnisse! Warum finanzieren wir dann dafür Institute mit mehreren hundert Mitarbeitern?

Was misst PISA eigentlich? Es werden nur die Hauptfächer getestet, nicht die künstlerische Kreativität, Musikalität und auch nicht, wie lange das Test-Wissen in den Köpfen bleibt oder gar, ob die Schüler in der Lage sind, Herausforderungen in ihrem Alltag oder später im Berufsleben sowie an der Hochschule erfolgreich zu bewältigen. Im Rahmen der Pisa-Studie wird nämlich auf Basis der Klieme-Expertise[1] die „Fachlichkeit“ als erstes und wichtigstes Merkmal „kompetenzorientierter“ Bildungsstandards definiert. Damit wird der Kompetenzbegriff pervertiert, weil er extrem und wie ich meine, in unzulässiger Weise, eingegrenzt wird.

Diese extreme Reduktion der Bildungsziele macht aus Sicht der Testverantwortlichen Sinn, da „Kompetenzmodelle“ und „kompetenzorientierte“ Standards durch standardisierte Tests überprüfbar und mit Noten bewertbar sein sollen. Diese Forderung ist bei der sehr großen Zahl der Schüler, die im Rahmen von Pisa zu bewerten sind, verständlich. Es ist jedoch wohl wenig sinnvoll, die Kompetenzmodelle nach den Möglichkeiten der kostengünstigen Überprüfung zu gestalten. Die Testmethodik bestimmt die Ziele der Bildung, eine groteske Vorstellung!

Diese Verwässerung des Kompetenzbegriffes führte zu viel Verwirrung und Irrwegen. Tatsächlich misst PISA keine Kompetenzen, sondern Wissen und Fertigkeiten, z.B. Rechen- oder Lesefertigkeiten. Diese sind zwar notwendige Voraussetzungen für Kompetenzen im Sinne der Fähigkeit, Problemstellungen erfolgreich zu lösen, aber auch nicht mehr.

Diese Schmalspur-Evalution von PISA ist deshalb so gefährlich, weil sich natürlich alle Schulen und die überwiegende Zahl der Lehrer an diesen sogenannten „Qualitätsstandards“ orientieren. Damit sind wir bereits auf einem Weg, den uns die ostasiatischen Schulsysteme vorgeben: Bulimie-Lernen anstatt Kompetenzentwicklung im umfassenden Sinne.

In den Schulen dominieren immer noch die klassischen „Lehr“formen. Im Regelfall sind die Lehreinheiten dabei in ein enges zeitliches Korsett von 45 Minuten eingezwängt, das viele innovative Lernansätze von vornherein verhindert. Die Ergebnisse der Befragung „Zukunft durch Bildung“ zeigen eindeutig einen hohen Grad an Unzufriedenheit der Bürger mit dem bundesdeutschen Bildungssystem.[2] Der Politik wird bei der Reform des Bildungswesens fehlender Mut zu Veränderungen bescheinigt. Häufig beschränken sich innovative Ansätze des Lernens in den Schulen auf die Einrichtung von Computerräumen oder die Anschaffung von innovativen Lernmedien, wie z.B. interaktive Whiteboards. Dagegen wäre es viel wichtiger, die Potenziale innovativer Formen des stärker individualisierten und selbstgesteuerten sowie kooperativen Lernens zu nutzen.[3]

Es gibt jedoch wenige Inseln innovativen Lernens, die meist von einzelnen  engagierten Lehrern gestaltet werden, um zukunftsorientierte Lernsysteme umzusetzen. Damit meinen wir aber nicht die zum Teil schon Jahre zurück liegenden Aktionen vieler Kultusbehörden, ein Learning Management System (Lernplattform) zentral anzubieten und dann darauf zu warten, dass etwas passiert. In einigen innovativen Lernprojekten dieser Lehrer wird  selbstgesteuertes und projektorientiertes Lernen der Schüler mit pfiffigen Lernarrangements ermöglicht.[4]. In sehr wenigen Bereichen des schulischen Lernens setzt sich echtes Kompetenzdenken allmählich durch.[5]

Der BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V.) hat in einer aktuellen, repräsentativen Studie die Ursachen für diese weitgehende Stagnation der Schulentwicklung analysiert.[6] Dabei kommt er zu einem erschreckenden Ergebnis: Nur wenige deutsche Bundesländer verfolgen eine konsequente E-School-Strategie. Ausstattung der Schulen, pädagogische Konzepte und die Lehrerweiterbildung stehen meist unverbunden nebeneinander. Die Lehrkräfte werden nicht wirksam begleitet bei ihren Versuchen, elektronische Medien konsequent einzusetzen. Die Chance, die private Nutzung der Informations- und Telekommunikationstechnologie (ITK)  durch junge Menschen für deren Lernprozess nutzbar zu machen, wird verschenkt. So wie Bildung heute in der Schule stattfindet, führt sie zumeist nicht zu adäquater Vorbereitung auf die Herausforderungen für das 21. Jahrhundert. Das gefährdet langfristig den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Die Einteilung der Welt in Unterrichtsfächer ist eine Sache der Tradition und dient der Bequemlichkeit der Verwaltung.[7] Dass es auch Wege gibt, die Schule grundlegend zu verändern beschreibt Christoph Kucklick sehr anschaulich. Er stellt dar,  wie das schulische Lernen sich nach einem Vorschlag des Hirnforschers und Verhaltensphysiologen Gerhard Roth verändern sollte, aber auch welche Widerstände dabei zu überwinden sind:[8]

Gerhard Roth stellt sein Modell für einen neuen Unterricht vor. Ein radikales Modell. Er will die 45-Minuten-Einheiten auflösen und auch die Fachgrenzen und einmal in der Woche einen Projekttag einrichten, der nicht vom Dreiviertelstunden-Takt zerhackt wird, sondern zehn frei gestaltbare Stunden enthält, und an dem die Schüler sich fachübergreifend mit einem Thema beschäftigen können – damit sie es aus vielen Perspektiven wahrnehmen, damit es sich besser im Hirn verankert. Den Unterricht sollten immer mehrere Lehrer gemeinsam gestalten, um voneinander zu lernen. Und um besser auf die individuellen Probleme der Schüler einzugehen. 

…Roth stützt sich dabei auf die Erkenntnisse der Hirnforschung: Der Kopf benötigt vielfältige Zugänge zu einem Thema, um es sich möglichst gut einzuprägen und es sicher zu behalten. Vor allem muss er das Wissen regelmäßig wieder aktivieren, um es verlässlich zu speichern…

…vielleicht werden engagierte Kollegen ein bisschen allein gelassen, bei dem Versuch der Selbstverbesserung.

Wie würden wohl die Schüler bei PISA abschneiden, die in solch einem Konzept  lernen? Man kann nur hoffen, dass die Politik endlich zur Einsicht kommt, dass wir statt unsinniger Tests echte Langzeitstudien für problemorientierte Forschung und für die Untersuchung der Lernwelten in den Schulen benötigen. Vor allem benötigen wir einen Wettbewerb von Ideen für unsere Schulsysteme.


[1] Klieme, E. u.a.(2007)

[2] Bertelsmann Stiftung (2011)

[3] vgl. Kerres, M., Heinen,R., Stratmann, J. (2012)

[4] Bremer, C. (2010). S. 87 – 97.

[5] vgl. z.B. Rohlfs, C.; Harring, M.; Palentin, C. (Hrg.) 2008

[6] vgl. Bitkom (2012)

[7] Nelson, T. (1974)

[8] Kucklick, C. (2013), S. 82 – 100

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3 Gedanken zu “PISA – das große Missverständnis

  1. Ich finde Ihren Kommentar sehr treffend. Aber werden wirklich „nur“ die Hauptfächer getestet? Wenn ich mir die Literatur über den Aufbau der Erhebung angucke finde ich dort auch Bereiche wie „selbstreguliertes Lernen“, „Problemlösen“ und „Kommunikation und Kooperation“. Fließen diese nicht mit in das Ranking ein?

    Quelle: Kunter et al. 2003 https://www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa/ergebnisse_skalenhandbuch.htm und Baumert et al., 2000 https://www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa/CCCdt.pdf

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    • Die Messungen beziehen sich ausschließlich auf die international vereinbarten „Kompetenzbereiche“, die tatsächlich nur die Hauptfächer umfassen (vermutlich ums den Testaufwand zu begrenzen). Die von Ihnen genannten Aspekte sind ausserdem auch nicht Teil der „Kompetenzdefinition“, die Klieme u.a. zugrunde legen.Wenn die von Ihnen genannten Aspekte wirklich gemessen würden, liefe ja meine Kritik ins Leere. Leider ist das nicht so.

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  2. Das hatte ich schon befürchtet. Habe eben mal den Mini-PISA-Test gemacht, tatsächlich nur Fragen aus den Fachdisziplinen. Kein Wunder, dass sich in der „Lernkultur“ an Schulen kaum etwas ändert, wenn wir derartige Tests als Referenz heranziehen und sich auch die Lehrerbildung daran ausrichtet.

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