Auf die Lerner kommt es an.

In der politischen Diskussion wird heftig über die Reform der Strukturen unseres Bildungssysteme (sechs oder vier Jahre Grundschule, zwei- statt dreigliedriges Schulsystem, Gesamtschule, Ganztagsschulen…) gestritten. Dabei zeigt Klaus Zierer (FAZ 19.12.2013) , Erziehungswissenschaftler der Universität Oldenburg, nachdrücklich auf, dass es nach den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung keinen kausalen Zusammenhang zwischen Strukturmaßnahmen und dem Lernerfolg gibt. Er kommt zu der Schlussfolgerung, dass es auf die Qualität des Unterrichts und somit auf die Kompetenzen der Akteure ankommt.

Dies zeigt sich auch in den Forschungsergebnissen zu den neuen Medien. Wenn die Lehrer neue Medien nur als Ersatz für traditionelle Medien nutzen, also das Whiteboard als Tafel, das Internet als Lexikon oder das Tablet als Arbeitsblatt, ansonsten aber an ihrer tradierten didaktisch-methodischen Planung nichts verändern, können wir noch weitere 30 Jahre auf die Revolution des Lernens in den Schulen warten.

Nach Zierer sind im schulischen Kontext deshalb die Lehrpersonen entscheidend. Dabei hebt er hervor, dass nicht die Erfahrung („Dienstjahre“), sondern die Expertise der Lehrer entscheidend ist. Diese „Expertenlehrer“ unterscheiden sich vor allem durch ihr Wertesystem von nur „erfahrenen“ Lehrern, durch ihre Dialogbereitschaft, Leidenschaft und damit ihre Kompetenz.  Sie initiieren häufiger die Bearbeitung herausfordernder Aufgaben auf dem Niveau des Transfers und des Problemlösens, also Kompetenzentwicklungsprozesse, während Lehrer ohne Expertise meist auf  dem Niveau der Reproduktion  und Reorganisation von Wissen agieren („Nürnberger Trichter“). Anstatt ständig Strukturreformen anzumahnen benötigen wir deshalb Veränderungsprozesse im Bildungsbereich unter Einbeziehung aller Akteure.

Auch in den umfassenden Untersuchungen von John Hattie auf der Basis von 50.000 Studien wird deutlich, dass Zuwendung, Empathie, Ermutigung, Respekt, Engagement und Leistungserwartungen sowie das soziale Miteinander eine zentrale Rolle in den Lernprozessen spielen.[1] Damit bestätigte Hattie einen großen Teil der in den letzten Jahrzehnten gewonnen lernpsychologischen  Erkenntnisse. [2]

Lernen ist danach für jede Person ein einzigartiger Prozess, der dringend einer Vorherrschaft aktiver Lernphasen bedarf. Auch ist handlungspsychologisch nachgewiesen, dass das Motivationsgeschehen genau so individuell ist und sich eben so schwer verallgemeinern lässt wie Lernstrategien und Vorkenntnisse. Die enormen Unterschiede im Lerntempo Erwachsener mit dem Faktor 1:9 lassen es zudem als unsinnig erscheinen, Lernende in einem gemeinsamen Lerntempo zu unterrichten.[3]

Fasst man diese empirisch nachgewiesenen Erkenntnisse zusammen, kann man im betrieblichen Kontext nur zu einem Schluss kommen. Es kommt vor allem auf die Lerner selbst an. Sie benötigen den Freiraum, sich in großem Maße selbstorganisiert nach ihrem ganz persönlichen Lerntyp, ihren Motivationen und Lernstrategien, mit den Herausforderungen im Lernprozess auseinander setzen zu können. Dies setzt wiederum voraus, dass die Lehrer oder Trainer zu Lernbegleitern werden, die sich durch ihre Expertise auszeichnen. Deshalb muss auch in der betrieblichen Bildung die Weiterentwicklung der Lernsysteme mit einem Veränderungsprozess beginnen, der alle Teilnehmer mit einbezieht.


[1] vgl. Hattie, John A.C. (2009)

[2] Wahl, D. ( 3. erw. Auflage 2013), S. 103

[3] ebenda S. 104 ff.

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