Das Pferd von hinten aufzäumen…

Auf meinen letzten Beitrag zur Learntec hin hat Gudrun Porath angemerkt, dass meine Kritik in Hinblick auf die dominierende Technikorientierung und mangelnde Lernorientierung zwar für die Messe, aber nicht für den Kongress zutrifft. Damit hat  sie sicherlich Recht, wenn man den Fokus  auf Teilkonzeptionen legt. Wenn man die Gestaltung von Lernkonzeptionen als eine ganzheitliche Herausforderung sieht, trifft ihre Anmerkung aus meiner  Sicht aber nicht zu. Dies sehe ich so, obwohl die Learntec  einen Themenbereich „Didactics“ eingerichtet hat, der sich aber leider nicht wirklich an didaktische Fragen, zumindest nach meinem Verständnis,  heranwagt.

Wenn man sich an der kritisch-konstruktiven Didaktik von Klafki[1] orientiert und die Aspekte mit einbezieht, die sich aus den aktuellen Anforderungen der betrieblichen Bildung ergeben, kann man folgendes pragmatische Grundverständnis der Didaktik formulieren: Didaktik betrieblicher Bildung wird als Theorie und Praxis der Gestaltung und Ermöglichung formeller und informeller Lernprozesse im Prozess der Arbeit verstanden. Daraus leiten sich zentrale Charakteristika didaktischer Konzeptionen im betrieblichen Kontext ab, die ich für wesentlich halte: Strategieumsetzende Bildung sowie Primat der Didaktik und er Ziele.

Was mir  auf der Learntec fehlt, ist aber gerade der Austausch über  diese grundlegenden Fragestellungen, die vor der Entscheidung über Methoden und Medien stehen müssen:  Welche Rolle übernimmt zukünftig der betriebliche Bildungsbereich, wie immer man ihn zukünftig  auch nennen mag, wie leiten sich die Lernziele aus der Unternehmensstrategie ab, wie werden die individuellen Lernziele definiert, wie werden Lernen und Arbeiten tatsächlich zusammengeführt, wie wird kollaboratives Lernen im Netz ermöglicht, wie kann die Lernbegleitung durch „Lernarchitekten“ optimiert werden, wie kann dieser Veränderungsprozess gestaltet und gesteuert werden…. 

Erst nachdem die Frage des „Was“ in der didaktischen Analyse geklärt ist, stellt sich die Frage der methodischen Gestaltung, des „Wie“ , aber nicht als Stand-alone-Lösungen, wie sie auf der Learntec dominieren. Geht man von folgender Definition der Methodik aus, wird sie als Bereich verstanden, der dazu beiträgt, die Ziele und Inhalte, die sich aus der didaktischen Analyse ergeben, umzusetzen: Methodik umfasst danach die Gestaltung des Ermöglichungsrahmens und der individuellen Lernarrangements mit realen und virtuellen Lernorten, Lernformen, Sozialformen, Kommunikationsformen, Medien, kompetenzorientiertem Wissensmanagement und der Ergebnismessung.  

Im Learntec Kongress werden unter der Überschrift Didactics 4  mal das Thema Games und jeweils 3 mal  das Thema Mobile,  E-Learning und Make or Buy behandelt. Blended Learning, das nach der letzten Umfrage des MMB-Instituts das Nr.-Thema der Zukunft sein soll, wurde gerade zweimal  als würdig erachtet.  Zwar wurde in den Keynotes einmal das Thema der Verzahnung von Lernen und Arbeiten sowie Lernen in der Netzgesellschaft angesprochen im Kongress findet man aber das Workplace Learning oder Lernen im Netz dann nicht mehr. Ich empfinde es einfach als schade, dass die Inputs aus den Keynotes nicht genutzt wurden, um sie in Workshops zu vertiefen. Damit ich nicht falsch verstanden werde. Ich halte es für sehr wichtig, Themen wie Games und Mobile zu behandeln, aber nicht, ohne sie in eine didaktisch-methodische Gesamtkonzeption einzuordnen. Sonst wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Wie soll ich denn sinnvoll z.B. über Micro-Learning diskutieren, wenn ich nicht weiß, welche Ziele ich damit verfolgen will?

Die Learntec wurde zwei Jahrzehnte lang von den Pädagogen Sommer und Beck aufgebaut und entsprechend geprägt. Deshalb war es auch folgerichtig, dass der Begriff „Learn“ im Namen der Messe und des Kongresses fettgedruckt wurde. Heute passen diese Anmutung und die tatsächlichen Schwerpunkte nicht mehr zusammen. Nachdem die Hauptverantwortung für den Kongress  auf einen Physiker und Informatiker überging, wundert es nicht wirklich, dass das „Learn“ zugunsten des „Tec“ in den Hintergrund rückt. Trotzdem hoffe und wünsche ich der Learntec, dass sie sich wieder mehr auf das „Lernen“ konzentriert.


[1] vgl. Klafki, W. (5. Aufl. 1996)

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