Schafft PISA ab!

Diese Woche erreichte mich ein offener Brief an Dr. Andreas Schleicher, Direktor der OECD für das „ Programme of International Student Assessment“, allgemein unter dem Kürzel PISA bekannt, den zwischenzeitlich weit über 100 Bildungsexperten weltweit unterschrieben haben. Obwohl hier schon mehrfach thematisiert, lohnt es sich, die wesentlichen Argumente gegen PISA nochmals zu bündeln, weil die Fixierung der Öffentlichkeit, der Politik und der Verwaltung auf dieses System verheerende Folgen hat.

PISA wurde vor 13 Jahren eingeführt, um Ranglisten von OECD­-Mitgliedsländern und Nicht­-OECD­-Staaten (mehr als 60 in der letzten Zählung) zu erstellen. Die Grundlage dafür bilden Bewertungen von Testleistungen von 15-­jährigen Schüle­rinnen und Schülern in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. Diese Testergebnisse werden in der Presse und in der Öffentlichkeit begierig aufgegriffen, ohne sie zu hinterfragen. Viele Länder bzw. deren Bildungspolitiker konzentrieren ihre Maßnahmen im Bildungsbereich deshalb darauf, im Ranking von PISA nach vorne zu kommen.

Beschäftigt man sich etwas näher mit dem Ansatz von PISA, fallen einem ein Reihe von Ungereimtheiten auf, die man nicht akzeptieren kann:

  • PISA wird von der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung (!) – OECD – getragen, die kein legitimiertes Mandat im Bildungsbereich hat. Die OECD wird gerade mal von 34 Staaten getragen und fühlt sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet. Dabei stehen der ökonomische Nutzen von Bildung für den Einzelnen und die Gesellschaft sowie Chancengleichheit im Bildungssystem im Vordergrund. De facto bestimmen die PISA-Tests aber die Ziele und Inhalte der schulischen Bildung, ohne dass ein demokratischer Diskussionsprozess stattgefunden hat. Besonders anmaßend empfinde ich es, dass PISA unter anderem sein Konzept auch auf afrikanische Staaten übertragen will, obwohl kein einziges Mitglied der OECD aus dieser Region kommt. Auch Süd- und Mittelamerika sind gerade mal mit Chile und Mexiko vertreten. Zwischenzeitlich ist dazu eine privatwirtschaftliche Testindustrie entstanden, deren Angebote ebenfalls nicht demokratisch legitimiert sind. Es ist zu befürchten, dass hierbei auch eklatante Interessenskonflikte auftreten, weil viel Geld zu verdienen ist. Bei der Gestaltung der Testbatterien dominieren Statistiker und Ökonomen, während die gesellschaftlich relevanten Gruppen und Experten weitgehend außen vor bleiben.
  • Während wir in der beruflichen Bildung eine Tendenz zu individuellen Lernzielen in selbstorganisierten Lernprozessen erfahren, strebt PISA im Gegenteil eine Standardisierung und Vergleichbarkeit der Ziele und Inhalte weltweit an. Dabei werden die teilweise extrem unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Kulturen in einzelnen Ländern vollständig ignoriert. Wie kann man 15jährige Schüler, die regelmäßiger Arbeit am Rande des Existenzminimums nachgehen müssen, mit Schülern vergleichen, die ihren Terminkalender zwischen Schule, Nachhilfe, Sport und Musikunterricht aufteilen können?
  • PISA basiert auf standardisierten Multiple-Choice-Testbatterien und damit quantitativen Messungen und hat damit dazu geführt, dass diese naturgemäß beschränkte Messung von Lernergebnissen sich immer weiter verbreitet. Zwangsläufig stehen damit Fachinhalte und Fertigkeiten, z.B. Rechen- und Lesefertigkeiten, im Vordergrund. Es genießen die Lehrer die höchste Anerkennung, die es fertig bringen, genau diese Lernbereiche erfolgreich zu trainieren. Der Drill-Unterricht à la Nürnberger Trichter erlebt seine Renaissance. Weniger „exakt“ messbare Bildungs- und Erziehungsziele, z.B. im Bereich der körperlichen, moralischen, staatsbürgerlichen oder künstlerischen Entwicklung, verlieren an Bedeutung. Wo bleiben Ziele wie demokratische Selbstbestimmung, werteorientiertes sowie soziales und kommunikatives Handeln?
  • PISA zwingt die Schulen und Lehrer zu kurzfristigen Anpassungen, obwohl wir alle wissen, dass Veränderungen im Bildungsbereich Zeit benötigen, weil wir alle unsere Lernroutinen in hohem Maße verfestigt haben. Aktionismus ist angesagt.
  • Es gibt keine unabhängige Aufsicht und Überwachung von PISA. Die vielfältige Kritik der Testformate, der Statistik und Auswertungsmethoden sowie unsinnigen Vergleichen verpufft in diesem Elfenbeinturm.

Unsere nationalen PISA-Vertreter Klieme & Co. setzen diesem misslungenen Ansatz von PISA noch die Krone auf. Diese PISA-Promotoren vernachlässigen einfach die in drei Jahrzehnten erreichten Ergebnisse berufspädagogischer Klärungen zur Handlungskompetenz vollkommen, weil sie nicht in ihr Konzept einfach zu handhabender Tests passen. So berücksichtigen sie in ihren Publikationen beispielsweise auch nicht einen (!) der vielen am siebenjährigen, millionenschweren BMBF-Projekt „Lernkultur – Kompetenzentwicklung“ beteiligten Wissenschaftler und Praktiker – darunter weltweit bekannte Forscher und Experten.

Die PISA-Promotoren definieren Kompetenzen als: „ …Kompetenzen sind funktional bestimmt und somit bereichsspezifisch auf einen begrenzten Sektor von Kontexten bezogen. Zum anderen wird die Bedeutung des Begriffs auf den kognitiven Bereich eingeschränkt, motivationale oder affektive Voraussetzungen für erfolgreiches Handeln werden explizit nicht mit einbezogen“ (Klieme 2007, S. 5).

Sie geben auch ganz offen zu: „Der hier verwendete Begriff von ‚Kompetenzen’ ist daher ausdrücklich abzugrenzen von den aus der Berufspädagogik stammenden und in der Öffentlichkeit viel gebrauchten Konzepten der Sach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz“ (Klieme u.a. 2003). Zu dieser Öffentlichkeit gehören auch die gesamten Bereiche Politik, Wirtschaft und Kultur. Diese scheinen für unsere schulische Bildung ohne jede Relevanz zu sein.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Unternehmen einen derart kognitivistischen, auf die Analyse von Sach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz verzichtenden Kompetenzbegriff ihrer Personalarbeit zugrunde legen würde. Selbst Universitäten gehen von einem Kompetenzbegriff aus, der nicht so kognitivistisch verengt ist. Nur die Kultusbürokratie und damit der Schulbereich erlaubt es sich, einen künstlich verengten Kompetenzbegriff zu nutzen, der nichts, aber auch gar nichts, mit den realen Handlungsanforderungen an künftige, verantwortungsbewußte Mitglieder unserer Gesellschaft und Arbeitnehmer zu tun hat. Es zählt nur die Exaktheit von Kognitionsmessungen.

Ich empfinde PISA zunehmend als ein verhängnisvolles Vergehen an unseren Kindern und Jugendlichen. PISA abzuschaffen wird wohl nicht mehr gelingen, dafür wurden zu viele Planstellen, Projekte und Institute eingerichtet. Es ist auch nicht zu erwarten, dass Bildungspolitiker ihre schönen Rituale aufgeben, in denen sie regelmäßig verkünden können, dass wir in Deutschland oder in einem Bundesland mal wieder um ein paar Plätze nach vorne gerückt sind. Die Autoren des eingangs zitierten offenen Briefes fordern deshalb eine Denkpause, um einen demokratisch legitimierten Weg zur Überarbeitung des PISA-Konzeptes zu finden. Deshalb soll die nächste PISA-Messung einfach ausfallen. Sie können diese Forderung unterstützen, indem Sie diesen Brief mit unterzeichnen: http://oecdpisaletter.org.

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