Medienbildung – mehr als Whiteboards und Tablets

Die Initiative D21 legte eine Studie „Medienbildung an deutschen Schulen“ vor[1]. Diese Befragungsergebnisse bringen erschreckende Denkblockaden zum Vorschein. So glauben über die Hälfte der Lehrer, dass neue Medien in der Schule zu folgenden Ergebnissen führen:

  • Informationsflut überfordert die Schüler
  • Nachlassende Einsicht der Schüler, dass sie selbst Wissen aufbauen müssen, weil alles auf Knopfdruck abrufbar ist
  • Lehrer haben einen schlechten Überblick, wieweit die Schüler dem Unterricht folgen
  • Schüler nutzen Computer nicht für den Unterrichtsstoff, sondern zum Spielen und Surfen

Was ist das für ein pädagogisches Verständnis? Ist es nicht gerade die Aufgabe der Schule, die Schüler zu befähigen, mit der wachsenden Informationsflut und mit den neuen Technologien sinnvoll umzugehen?Wie soll das geschehen, wenn neue Medien aus der Schule ausgeklammert werden? Warum werden die vielfältigen Möglichkeiten des selbstgesteuerten Wissensaufbaus mit neuen Medien nicht erkannt, obwohl die Schüler dies im Privatbereich bereits wie selbstverständlich praktizieren? Warum meinen Lehrer immer noch, dass sie ihre Schüler reglementieren können?….

Bei den vielen Lehrern, die diese Gründe gegen die Integration neuer Medien in die Schulen vorbrachten, besteht offenbar keine Phantasie darüber, was innovative Medien zum selbstgesteuerten, individuellen Wissensaufbau, zur Recherche, zur Kommunikation oder zur Rückmeldung und damit zur kollaborativen Kompetenzentwicklung tatsächlich leisten können, wenn sie in ein geeignetes didaktisch-methodisches Konzept eingebettet werden. Wen wundert dies, wenn Lernen mit neuen Medien selbst in der heutigen Referendarausbildung mit teilweise weniger als 10 % nur eine marginale Rolle spielt.

Bei der Frage nach dem möglichen Einsatz von Computern in der Schule, stehen in der Sicht der befragten Lehrer Videos, Filme und Präsentationen, also Frontalunterricht in medial aufbereiteter Form, an oberster Stelle. Bei den ersten zehn Antworten ( von 65 % bis 2 % der Nennungen) zur möglichen Mediennutzung wird das selbstgesteuerte oder kollaborative Lernen sowie die Kommunikation und Dokumentation im Netz überhaupt nicht (!) genannt. Man mag es kaum glauben.

Die Integration neuer Medien in die Schule kann sich nicht darauf beschränken, dass man das tradierte „LEHR“system mit Kreidetafeln durch interaktive Whiteoards in Verbindung mit Lernprogrammen und kleinen Filme aufrüstet. Frontalunterricht wird nicht wirklich dadurch besser, dass man ihn mit bunten Bildchen garniert. Es geht doch vielmehr darum, die neuen Medien zur Ermöglichung von „LERN“systemen zu nutzen, mit denen die Schüler, ähnlich wie im privaten Bereich mit Facebook, Twitter oder WhatsApp, im Netz kollaborativ zusammen arbeiten, kommunizieren, recherchieren und ihre Lernergebnisse dokumentieren. Spätestens wenn sie in die Berufswelt eintauchen, werden sie diese Kompetenzen, dann vermutlich schon in Verbindung mit humanoiden Computern, dringend benötigen. Wir müssen sie deshalb jetzt darauf vorbereiten.

Ich habe Zweifel, ob es wirklich an den erforderlichen Computerkenntnissen der Lehrer mangelt, wie dies in der Studie betont wird. Schließlich geht es nicht um die Programmierung o.ä., sondern um die Nutzung von Computersystemen, wie es heute im privaten und beruflichen Bereich selbstverständlich ist. Es wird wohl kaum einen Lehrer geben, der seine Reisen in den Ferien nicht mit Hilfe seines Computers plant oder Google für Recherchen nutzt. Was fehlt sind die didaktisch-methodischen „LERN“konzepte, mit denen selbstgesteuerte oder gar –organisierte Lernprozesse der Schüler, z.B. in Projekten, ermöglicht werden.

Vermutlich fehlen vielen Lehrern die Phantasie, aber natürlich auch die Rahmenbedingungen, um dies umzusetzen. Kann man es denn einem Lehrer verübeln, dass er nach altväterlicher Frontalmethode versucht, seinen Schülern Wissen und Fertigkeiten einzutrichtern, wenn dies die Lehrpläne vorschreiben und die PISA-Inquisitoren ihn danach, und nur danach, bewerten. Der Kern unserer Probleme im Schulbereich liegt in den „LEHR“plänen, den Rahmenbedingungen und didaktisch-methodischen Konzeptionen und damit vor allem auf der Ebene der Kultusbehörden und der Politik. Wo gibt es in Deutschland einen Kultuspolitiker, der einen wirklichen Aufbruch im Schulsystem wagt?

Diese Studie zeigt sehr anschaulich, dass es in der Medienbildung nicht primär darum, die schulische Ausstattung auf dem neuesten technischen Stand zu halten. Die Schüler sollen vielmehr lernen, mit der rasanten Entwicklung der digitalen Medien bewusst und vernünftig umgehen zu können sowie ihre Bedeutung für die eigene Persönlichkeit, die Gesellschaft und die Arbeitswelt zu reflektieren. Felix Schaumburg, Blogger und Lehrer, bringt die Herausforderung auf den Punkt:

„Die digitalen Medien mit ihrem revolutionären Potential ermöglichen es, den Schulbegriff neu zu denken. Schüler können nun auf das bestehende Wissen der Welt zugreifen und es aktiv und kreativ mitgestalten. Die digitalen Medien bieten uns daher hochgradig individualisierte Bildung.

 Gewohnheit und Angst vor neuen Wegen führen in der Schule oft zu Verboten. Was wir vielmehr brauchen sind Neugier, Entdeckergeist, Ressourcen, Freiraum und Zeit.“

Dem kann man nur zustimmen.

[1] http://www.initiatived21.de/wp-content/uploads/2014/11/141106_Medienbildung_Onlinefassung_komprimiert.pdf

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