Lernen für die Schule

„Ich bin fast 18 Jahre und hab keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“

@nainablabla[1]

Wie dieser Twitter Tweet mit mehr als 10.000 Followers aus dieser Woche zeigt,  hat sich seit der Zeit von Seneca bis heute in den Schulen kaum was verändert. Die eigentliche Handlungsfähigkeit erwerben Schüler immer noch ganz anders und weitgehend woanders: In der Freizeit, in der Familie, im Freundeskreis, im Verein oder im Ehrenamt, vor allem aber später – im Prozess der Arbeit selbst.

Deutschlands Schulen kranken daran, dass in erster Linie Fächer unterrichtet und eher nachrangig Kinder und Jugendliche gefördert werden.[2] Die Schulen überschätzen auch deshalb als eine lernkulturelle Gewohnheit das „Vermitteln“ von Wissen, also der Übertragung des Wissens von einem Gehirn in ein anderes, vollkommen, obwohl es eine skandalös geringe Nachhaltigkeit aufweist. Wissen und Qualifikation ohne das Erleben in erfolgreichen Anwendungen fehlt die emotionale Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Deshalb können Kompetenzen lediglich reifen, aber nicht erzwungen werden. Die Didaktik muss sich deshalb entsprechend weiter entwickeln. Wir benötigen einen radikalen Wandel in den Schulen zu einer Architektur der Erlebnisorientierung, auch im Bereich des Wissensaufbaus und der Qualifizierung. [3]

Diese Erkenntnis stehen die Strukturen unserer heutigen Schulen diametral entgegen. Der Unterricht in deutschen Klassenzimmern ist weithin lehrerzentriert und variationsarm und begünstigt primär diejenigen, die abstrakt und rezeptiv zu lernen verstehen.[4] Unser System Schule orientiert sich nicht an den Bedürfnissen unserer Schüler, sondern richtet sich an den Erfordernissen einer möglichst simplen Organisation und Planung aus. Der Schulverwaltung ist es vor allem wichtig, die „Stoffvermittlung“ exakt, d.h. rechtwirksam, zu belegen, auch wenn sie noch so unwirksam ist. Jedem Referendar wird deshalb am ersten Tag beigebracht, im Tagebuch akribisch alle Lehrinhalte laut Lehrplan zu dokumentieren, auch wenn er sie nur mit einem Halbsatz angesprochen hat.

Warum sehen unsere Schulen heute meist immer noch so aus, als ob sie ursprünglich als Bundeswehrkaserne geplant waren? Warum gibt es kaum flexible Raumkonzepte, um Projektlernen zu unterstützen? Weshalb dominiert immer noch die „Lehre“, anstatt Lernrahmen für selbstorganisiertes Lernen zu schaffen? Warum werden E-Learning und Blended Learning Arrangements sowie soziale Medien nicht integriert? Warum sind Lehrer immer noch überwiegend Einzelkämpfer? Warum haben wir immer noch 45-Minuten Unterrichtsstunden, die jede größere pädagogische Innovation verhindern? Warum bieten die Schulen unzählige Einzelfächer anstatt wenige herausfordernde Projekte an, in denen eine Problemstellung aus verschiedenen Blickwinkel beleuchtet wird? Warum wird unseren Schülern zugemutet, sich in jeder Unterrichtsstunde in ein vollkommen anderes Fach hinein zu denken, morgens erst Englisch, dann Mathematik, dann Deutsch, dann Physik und Religion, nachmittags dann noch Biologie-AG und Religion? Kein vernünftiger Mensch würde seinen Arbeitstag so zersplittern. Warum geben wir unseren Schülern nicht die Zeit, sich problemorientiert und in Ruhe in ein Thema zu vertiefen? Warum dominiert immer noch das „Bullimie-Lernen“, obwohl jeder vernünftige Mensch weiß, dass es vergeudete Energie ist? Weshalb spielen die aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft kaum eine Rolle in der Schule? Weshalb geben die überwiegend juristisch ausgebildeten Bürokraten in den Oberschulämtern und Ministerien die Strukturen für die Schulen vor? Warum wählen nicht alle Schulleiter ihre Lehrer selbst aus? Warum sind Lehrer immer noch Beamte, so dass unfähige Lehrer jahrzehntelang mitgeschleppt werden müssen? Warum entscheiden nicht die Schulleiter gemeinsam mit ihren Mitarbeitern über die Ausgestaltung des Systems Schule?….

Fragen über Fragen, die dringend beantwortet werden müssen. Diese Fragen werden unendlich oft gestellt und meist mit Hinweis auf die Rahmenbedingungen (z.B. Föderalismus) und Strukturen abgewimmelt. Letztendlich hilft nur eine Revolution unseres Schulsystems, von der Struktur über die Didaktik und Methodik bis zur Gestaltung von Lernräumen zur Ermöglichung selbstorganisierten Lernens durch die Schüler.

 

[1] Twitter Tweet von Naina K. mit mehr als 10.000 Followers

[2] Klippert, H., 2008 5. Aufl. S. 12

[3] Arnold, R. (2013)

[4] Klippert, H., 2008 5. Aufl. S. 12

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Ein Gedanke zu “Lernen für die Schule

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