Wertaneignung und Kompetenzentwicklung

In unseren Praxisprojekten zur Entwicklung, Realisierung und Implementierung kompetenzorientierter Lernsysteme stoßen wir zwangsläufig immer wieder auf den Aspekt der Werte. Es gibt kein kompetentes Handeln ohne Werte – Werte konstituieren wiederum kompetentes Handeln. Wenn wir verstehen, wie Werte angeeignet werden, verstehen wir, wie Kompetenzen angeeignet werden. Wenn wir verstehen, wie Kompetenzen angeeignet werden, können wir beurteilen, welche Lernmethoden sich zu diesem Zweck besser und welche sich weniger eignen. Das ist unser Ziel.

Werte sind etwas ganz alltägliches und doch zugleich sehr Umstrittenes, ja Geheimnisvolles. Jeder Mensch wertet in nahezu jedem Augenblick seines Handelns. Er richtet sich, oft mehr ahnend als wissend, danach, welchen Genuss oder Nutzen, welches ethische Hochgefühl oder welche politische Bestärkung ihm sein Handeln zu vermitteln vermag. Ohne Werte wäre der Mensch nur ein wissensgesteuerter Automat. Konflikte ergeben sich in der Regel nicht aus dem Gegeneinander von Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen, sondern von Menschen mit ähnlichen Kompetenzen aber ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen.

Es ist bis heute hoch umstritten, was Werte eigentlich „sind“, auf welche Weise sie, von Einzelnen angeeignet, zu Motivationen ihres Handelns werden und wie sie umgekehrt, im Extremfall, ganze Nationen, Erdteile, ja die Menschheit zu bewegen vermögen.

Werte sind in vielen Unternehmen ausschließlich in der oberen Etage der normativen Leitlinien, Visionen und Grundsätze angesiedelt. Sie erscheinen als etwas Hehres, Entrücktes, aber auch schnell Veränderbares. Also auch als etwas, worauf man in der „niedrigen“, alltäglichen Praxis nicht unbedingt zu achten braucht. Auch in unserem sonstigen Leben denken wir oft ausschließlich an hehre Ideale, wenn wir über Werte sprechen: eine saubere Umwelt, gute Entlohnung, Rechtssicherheit, soziale Sicherheit, Arbeit, Gesundheit, Partnerschaft, Demokratie, Freizeit, Bildung, Freunde, Wohlstand usw.

Heute besteht weitgehende Übereinstimmung, dass Werte immer eine Relation darstellen: Ein Mensch, eine Gruppe, ein Unternehmen oder eine Nation, bewertet ein Objekt, ein Ding, eine Eigenschaft, einen Sachverhalt oder eine Beziehung auf der Grundlage von früherem Wissen und früher angeeigneten Werten und anhand von sozial erarbeiteten Wertmaßstäben. Produkte von so ablaufenden Wertungsprozessen sind Wertungsresultate – kurz: Werte.

Damit ist klar, dass Werte unser gesamtes Denken und Handeln durchdringen. Jeder Mensch wertet in nahezu jedem Augenblick seines Handelns. Er richtet sich, oft mehr ahnend als wissend, danach, welchen Genuss oder Nutzen, welches ethische Gefühl oder welche politische Bestärkung ihm sein Handeln zu vermitteln vermag. Ohne Werte wäre der Mensch nur ein wissensgesteuerter Automat.

Werte sind also die Bezeichnungen dafür, „was aus verschiedenen Gründen aus der Wirklichkeit hervorgehoben wird und als wünschenswert und notwendig für den auftritt, der die Wertung vornimmt, sei es ein Individuum, eine Gesellschaftsgruppe oder eine Institution, die einzelne Individuen oder Gruppen repräsentiert.“[1] Werte sind damit stets das geistig-symbolische Resultat von Wertungsprozessen (= Wertungen), also Wertungsresultate.

John Erpenbeck und Bernhard Brenninkmeijer haben bereits vor mehreren Jahren nach der Auswertung einer Vielzahl von Denkschulen und Modellen eine Kategorisierung der Werte in vier Bereiche vorgeschlagen, die bewirken, dass Menschen bestimmte Handlungen bevorzugen:[2] Genusswerte (hedonistische Werte), d.h. „Freude am Leben, an der Arbeit…. haben“; Nutzenwerte (utilitaristische Werte), d.h. beispielweise „Alles was ich tue, muss etwas bringen…“; ethische Werte, d.h. beispielsweise „Was ich mache, darf niemandes Schaden sein“ sowie politische Werte, d.h beispielsweise „Es muss durchsetzbar, machbar sein“.

Damit lässt sich auch erklären, warum Menschen mit gleichen Kompetenzen trotzdem zu unterschiedlichen Handlungen neigen. Andererseits kann die gleiche Handlung darauf beruhen, dass jemand etwas ästhetisch genießt, eine nützliche Idee realisieren will und sich materiellen Vorteil verspricht, er etwas „Gutes“ tun will, indem er seine Idee verbreitet, oder das Image der Produkte, die er verantwortet, am Markt steigern will. Dies kann bei der Auswahl von Mitarbeitern, in der Personalentwicklung oder im Kompetenzmanagement von entscheidender Bedeutung sein.

Erst Werte ermöglichen Handeln in einer unüberschaubaren, hochkomplexen, selbstorganisativen Welt, unter der daraus resultierenden prinzipiellen erkenntnismäßigen Unsicherheit. Sie „überbrücken“ oder ersetzen fehlende Kenntnisse, schließen die Lücke zwischen Kenntnissen einerseits und dem Handeln andererseits. Sie haben zuweilen den Charakter extrapolativen Scheinwissens, abergläubischer Gewissheit. Das reicht bis zum Glauben als bewertetem Nichtwissen.

Werte lassen sich nicht instruktional vermitteln. Auch der Mörder weiß, dass man nicht töten darf. Jedem Kind bringen wir die Zehn Gebote, oder zumindest einige davon, in der einen oder anderen Form bei. Oft kann es diese auswendig hersagen. Deshalb hat es sich diese noch lange nicht angeeignet, zu Emotionen und Motiven seines eigenen Handelns gemacht.

Werte können nur selbst handelnd, selbst organisiert angeeignet werden. Dieser Aneignungsprozess wird psychologisch als Interiorisation (oft auch Internalisation) bezeichnet. Da Kompetenzentwicklung durch Werte konstituiert wird, liegt der Schlüssel dafür darin, den Lernern die Möglichkeit zu bieten, in realen Herausforderungen ihren persönlichen Wertungsprozess zu initiieren.

Dies setzt voraus, dass wir Wertansprüche sichtbar machen, Differenzen in den Wertansprüchen von Organisationen und Individuen deutlich machen, Wertansprüche als Soll definieren und es letztendlich ermöglichen, Werte gezielt zu entwickeln. Daran arbeiten wir.

[1] Baran,P. 1990, S. 805

[2] Erpenbeck, J.; Brenninkmeijer, B. (2007)

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