Nürnberger Trichter für Wissen und Kompetenzen?

Arbeitet man in Projekten mit Vertretern von Hochschulen zusammen, wird man häufig sehr schnell feststellen, dass die vordergründige Zustimmung zu innovativen Lernarrangements in der praktischen Umsetzung schnell an ihre Grenzen stößt. Dies ist nach meiner Einschätzung vor allem auf den fest verankerten Glauben an die „Wissensvermittlung“ und die damit verbundene Zensurenbarriere zurück zu führen..

Die Zahl der Lerntheorien ist Legion. Für jede noch so absurde Vermutung kann man eine theoretische Bekräftigung finden. Diese Vielfalt verdeckt, dass sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten neue Einsichten zum Lernen und zum Gedächtnis ergeben haben, die uns mehr und mehr an vielen klassischen Lehrmethoden zweifeln lassen. Die uns geradezu zwingen, Modelle simpler Wissensweitergabe in Frage zu stellen und Modelle von Kompetenzentwicklung zu bevorzugen.

Besonders eindrucksvoll hat der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth die neuen und neuesten Erkenntnisse zum Lernen aus Sicht der Hirnforschung durchforscht und zusammengefasst. Er fragt, warum es so schwierig ist, sich und andere zu verändern, das eigene Denken und Handeln abzuändern.[1] Es geht also nicht um abgespeichertes Wissen, sondern um die reale – geistige und physische – Handlungsfähigkeit, besonders in offenen, nicht völlig vorherbestimmten Situationen. Es geht um die Fähigkeit, selbstorganisiert und kreativ zu handeln. Es geht um Kompetenzen.

Die Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Handeln und auf die Entscheidungen anderer Menschen, beispielsweise von Auszubildenden, Schülern, Studenten, Mitarbeitern, sollten dabei möglichst realistisch betrachtet werden. Bei Entscheidungen und Verhaltensänderungen haben die unbewussten Anteile unserer Persönlichkeit das erste und das letzte Wort, Verstand und Vernunft sind nur Berater. Alles was wir entscheiden, wird im Lichte des emotionalen Erfahrungsgedächtnisses entschieden.[2]

Als völlige Illusion entlarvt er, übrigens in Übereinstimmung mit dem pädagogischen Konstruktivismus, der im Lernen einen aktiven, situativen und sozialen Prozess sieht, bei dem das Wissen selbstgesteuert interpretiert und konstruiert wird, die Vorstellung, man könne zu guter Letzt doch noch den Nürnberger Trichter in moderner Form bemühen und Wissen in fremde Köpfe eintrichtern: „Jemand sagt etwas, und diese Äußerung dringt als Luftschwingungen in das Ohr des Zuhörers und wird im Innenohr in neuronale Signale umgewandelt, die ins Gehirn weitergeleitet werden. Dort werden diese Signale auf vielen Stufen und in unterschiedlichen Zentren des Gehirns analysiert. Zuerst werden sie als sprachliche Laute interpretiert, dann werden sie nach Lautgruppen (Phonemen, Silben) und Worteinheiten segmentiert und ihr grammatikalisch-syntaktischer Aufbau wird bestimmt. Schließlich wird der mögliche Bedeutungsgehalt konstruiert. Dies alles geschieht völlig unbewusst, und zwar in einem Zeitraum, der von etwa dreihundert Millisekunden bei sehr einfachen Lautäußerungen bis zu einer Sekunde bei komplizierteren Sätzen dauern kann. Wir merken in aller Regel nichts von diesem höchst komplizierten Vorgang, an dem in unserem Gehirn bis zu einer Milliarde Nervenzellen beteiligt sein können, wir nehmen nur das Endprodukt bewusst wahr, nämlich einen in der Regel sinnhaften Satz.

Die Bedeutung von Wörtern und Sätzen ergibt sich daraus, dass die akustischen bzw. phonologischen und grammatikalisch-syntaktischen Laut- und Sprachmuster mit allen in unserem semantischen Sprachgedächtnis enthaltenen Bedeutungen verglichen werden, die bei dem vorliegenden Muster zutreffen könnten, und es wird diejenige Bedeutung aktiviert, die dem Muster am nächsten kommt bzw. am wahrscheinlichsten ist. Insgesamt gesehen können Bedeutungen von uns nur in dem Maße erfasst werden, in dem erstens die akustisch-phonologische, zweitens die grammatikalisch-syntaktische und drittens die semantische Analyse der Mitteilung in unserem Gehirn hinreichend korrekt verläuft.“ [3] Der Bedeutungskontext ergibt sich somit bewusst oder unbewusst aus der gesamten Lebenserfahrung einer Person.

Hieraus folgt ganz radikal, dass Bedeutungen gar nicht übertragen werden können, sondern in jedem Gehirn erzeugt (konstruiert) werden müssen. Deshalb kann Wissen auch nicht vermittelt werden.

Trotzdem haben es die heutigen Einsichten der Gedächtnis- und Hirnforschung von einem weitgehend selbstorganisierten, in seinen Handlungsimpulsen schwer beeinflussbaren und in seinen unbewussten Strukturen vollkommen unzugänglichen Gehirn, schwer, sich durchzusetzen. Dies gilt auch für die Einsichten der Pädagogik, dass eine „Vermittlungspädagogik“ hoch problematisch und eine auf das Wachsenlassen ausgerichtete Ermöglichungsdidaktik die angemessene Methode ist.

Es ist noch ein langer Weg, bis unsere Bildungskonzeptionen die Fähigkeiten zum selbstorganisierten, kreativen, physischen und geistigen Handeln, zur selbstorganisierten Bewältigung von Herausforderungen zum Ziel haben.

[1] Vgl. Roth, G. (3.Aufl. 2007)

[2] Vgl. Roth, G. (2013)

[3] Roth, G. (3.Aufl. 2007) S. 267 f.

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