Kompetenter Umgang mit Angst

Im Rahmen unseres EU-Projektes PSYCRIS –PSYcho-social Support in CRISis Management (Psychosoziale Unterstützung im Krisenmanagement) – haben wir in einem Kibbuz im Süden von Israel, 2 km vom Gaza-Streifen entfernt, ein beeindruckendes, landesweites Programm kennen gelernt, in dem die zivilen Bürger, vom Kindergartenkind bis zum Erwachsenen, ihre Kompetenz aufbauen, mit Angstsituationen in kriegerischen Situationen umzugehen.

Dieses Programm wurde vor dem Hintergrund der vielen existenziellen Krisen in Israel in den vergangenen Jahren entwickelt. So wurden beispielsweise während des letzten Gaza-Krieges vom 8. 7. bis zum 26. 8. 2014 täglich 128 Raketen auf israelische Gebiete abgeschossen. Während Städte wie Ashkelon (11 km vom Gaza-Streifen) durch den sogenannten „Iron-Dome“ zu etwa 90 % vor dem Beschuss geschützt sind, sind die Menschen in dem besuchten Kibbuz völlig ohne Schutz diesen Angriffen ausgesetzt. Dort haben die Kinder nach dem Ertönen der Sirenen gerade mal 15 Sekunden Zeit, die Bunker, die es in nahezu jedem Gebäude oder neben jeder Bushaltestelle gibt, aufzusuchen. Hinzu kommt, dass die ständige Angst vor Angriffen im Kibbuz über Tunnels die Menschen extrem verunsichert. Zwar wurden im vergangenen Jahr 32 Tunnel zerstört. Zwischenzeitlich werden jedoch wieder neue gebaut. Diese Gefahr wird also zunehmend wieder akut.

In der Kibbuz-Schule, die wir besucht hatten, waren von 561 Kindern immer noch ca. 70 wegen post-traumatischer Störungen in psychologischer Behandlung. Deshalb ist das Ziel, deren Fähigkeit aufzubauen, proaktiv mit ihren Ängsten in Krisensituationen umzugehen.

Dieses „Civic Resilience“ Programm soll bewirken, dass die Menschen ihre Kompetenz aufbauen, Notfall-Szenarien mit hoher Widerstandsfähigkeit zu bewältigen. Die Ziele dieser individuellen und gemeinschaftlichen Lernprozesse sind

  • das Gefühl der Hilflosigkeit durch Würde und Selbstwertgefühl zu ersetzen,
  • ein kritisches Selbstbewusstsein aufzubauen,
  • die Kontrolle über Ziele und Möglichkeiten zu entwickeln,
  • das Gefühl für die persönliche und kollektive Verantwortung zu schaffen.

Das „School School Resilience Programm beinhaltet neben strukturellen Maßnahmen, der Kompetenzentwicklung der Betreuer und Lehrer sowie schulpsychologischer Unterstützung ein Trainingsprogramm für die Kindergartengruppen und Schulklassen, um die Belastbarkeit der Kinder zu steigern und Bewältigungsstrategien gegen kontinuierlichen Stress und psychische Traumata zu verinnerlichen.

Es ist beeindruckend, wie bereits drei- bis vierjährige Kinder täglich mit Atemübungen, verschiedenen Meditationsformen oder mit Luftballons, aus denen am Schluss die „Angst“ entweicht, diese Angst permanent thematisieren und lernen, damit proaktiv umzugehen. Zwar werden die Kinder dadurch sicher noch keine Kompetenz aufbauen, mit ihren Ängsten ohne Spätfolgen umzugehen. Sie werden jedoch in möglichen Krisensituationen deutlich souveräner mit ihren Ängsten umgehen können. Die Ergebnisse der vergangenen Jahre zeigen, dass man damit post-traumatische Störungen Krisensituationen zwar nicht gänzlich verhindern, aber doch deutlich mindern kann.

Die betreuenden Psychologen erzählten uns, dass zwischenzeitlich die Kinder ihren Eltern die Methoden beibringen. Auf jeden Fall haben die Kinder nunmehr eine deutlich höhere Chance, diese Ängste allein und gemeinsam zu bewältigen. Schön wäre es, wenn sie diese Kompetenz nie benötigen und in zukünftigen Krisensituationen aufbauen müßten. Dies ist aber angesichts der realen Lage wohl ein naiver Wunsch.

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