Stoppt die Kompetenzkatastrophe!

John Erpenbeck und ich haben uns empört, weil wir die aktuelle Entwicklung im Bildungsbereich – in den Schulen, in den Hochschulen, aber auch in vielen Unternehmen – für gefährlich halten. Deshalb haben wir gemeinsam ein Buch geschrieben, das jetzt erscheinen wird:

9783662485026

Die erste deutsche Bildungskatastrophe, die Georg Picht bereits 1965 so eindringlich beschrieben hat, entstand, weil das Bildungssystem in Schockstarre ihre NS-Infektion noch nicht überwunden hatte. ¹ Wenn heute das Entwicklungsziel Kompetenzgesellschaft verfehlt, die Bildungszukunft vertrödelt wird, kommt es nach unserer Meinung zur Kompetenzkatastrophe.

Diese Kompetenzkatastrophe ist charakterisiert durch die institutionelle Blindheit und Veränderungsunfähigkeit angesichts der heraufziehenden Kompetenzgesellschaft. Sie beruht auf dem irreleitenden Glauben, die Weitergabe von Sach- und Fachwissen sei der Kern von Bildung, nicht die Kompetenzreifung.

Sie nutzt die Gleichgültigkeit gegenüber dem Bulimielernen, dem Feind jeder echten Kompetenzentwicklung.

Sie baut auf die Akzeptanz des gegenwärtigen Wissensweitergabe- und –beurteilungssystems, des Aufsichts- und Steuerungsapparats, gerichtet auf die Merkfähigkeit des Gehirns, umgesetzt in Abiturprüfungen, Klausuren, Examen, Leistungskontrollen und ähnlichem.

Die Kompetenzkatastrophe verschanzt sich hinter nahezu unbezwinglichen Barrieren, die den Übergang von der Informations- und Wissensgesellschaft zur Kompetenzgesellschaft erschweren und oft verhindern; das sind

die institutionelle Barriere, die Wissensbarriere, die Zensurenbarriere und die neuropsychologische Barriere.

Innovative Wege des Lernens mit dem Ziel der Kompetenzentwicklung sind gefragt. Für die Gesellschaft – und für jeden Einzelnen: “Ein Zugewinn an Bildung im Sinne eines Zugewinns an Kompetenzen bedeutet einen Zugewinn an Handlungsfähigkeit und damit einen Zugewinn an Teilhabe am Leben und an der Welt.²

Kompetenzentwicklung ist die Bildung der Zukunft!

Sach- und Fachwissen kann man, wenn auch oft wenig sinnvoll, pauken; Kompetenzen benötigen Erfahrungen, Werte und Emotionen als Grundlage. Kompetenzen müssen reifen.

Jedes Wissen, auch Sach- und Fachwissen, muss emotional „imprägniert“ sein, um kompetent eingesetzt werden zu können.

Informationswissen lässt sich wie üblich zensieren. Kompetenzen sind schwerer zu beurteilen – aber es gibt längst bewährte Verfahren der Kompetenzerfassung, dem klassischen Zensieren in ihrer Treffsicherheit ebenbürtig, aber sehr viel aussagefähiger. Künftiges Lernen, künftige Kompetenzentwicklung findet fraglos in und mit dem Netz statt – Das Netz ist einer der wichtigsten sozialen Räume künftiger Kompetenzentwicklung.

Bildungsinstitutionen und Bildungsforschung müssen zu Verbündeten im Kampf gegen die Kompetenzkatastrophe, für die künftige Kompetenzgesellschaft werden.

Eine Bildungsrevolution ist erforderlich!

Bildungsziele müssen die Fähigkeiten zum selbstorganisierten, kreativen, physischen und geistigen Handeln, zur selbstorganisierten Bewältigung von Herausforderungen werden. Diese Lernziele können nicht mehr zentral als Curricula vorgegeben werden. Es wird vielmehr ein gemeinsamer Zielrahmen durch Richtziele abgegrenzt. Die Lerner definieren darin ihre Kompetenzziele und innerhalb von Ermöglichungsrahmen in der Kommunikation mit Lernpartnern und mit Unterstützung der Lernbegleitung selbstorganisiert.

Bildungsinstitutionen konzentrieren sich zunehmend auf die Gestaltung von Ermöglichungsrahmen für die Bildungsprozesse sowie die Lernbegleitung, ansonsten gehört alle Macht den Lernern und ihren Lernbegleitern sowie den Schulen, Hochschulen und Bildungsanbietern, die innerhalb der Vorgaben das Lernen gestalten und Lernprozesse ermöglichen.

Die didaktische Gestaltung des Lernens, weg von einer Belehrungsdidaktik hin zu einer Ermöglichungsdidaktik, die selbstorganisiertes Lernen in allen Bildungsbereichen ermöglicht, gewinnt mehr und mehr Vorrang. Wissensaufbau, Qualifizierung und Kompetenzentwicklung werden in die Eigenverantwortung der Lerner übertragen.

Die methodische Gestaltung des Lernens orientiert sich zunehmend an den realen Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur und ermöglicht eine bedarfsgerechte emotionale Imprägnierung des Wissens durch Begeisterung, Leidenschaft, Engagement, Willen, Interesse, Neugier, Wissbegier, Entdeckergeist, Phantasie, auch durch Vorsicht, Bedachtsamkeit, Angst, – insgesamt durch Freiraum und Zeit für Kompetenzentwicklungsprozesse. Seminaristisches Lernen mit seiner erschreckend geringen Lerneffizienz wird durch selbstorganisierte Lernformen in Blended Learning Arrangements, anwendungsnahem Lernen und kollaborativem Lernen in Projekten und am Arbeitsplatz ersetzt. Lernen und Arbeiten wachsen zusammen.

Die Bewertung von Lernleistungen fordert nicht mehr, viel zu wissen, sondern Wissen zur Lösung von Herausforderungen methodisch sinnvoll nutzen zu können. Ein juristisch belastbares Verfahren zur qualifikationsanalogen Ermittlung und Bewertung von Kompetenzen muss geschaffen werden. Diese Forderung hat angesichts des Zustromes von mehr als einer Million Flüchtlinge 2015 dramatisch an Bedeutung gewonnen.

Diese Paradigmenwechsel stellen vieles in Frage, was die heutigen Bildungssysteme in Schule, Hochschule und in den Unternehmen prägt. Es gibt aber keine Alternative dazu, wenn Deutschland wettbewerbsfähig bleiben soll. Und es ist möglich, wenn ein politischer Wille vorhanden ist.

¹ Nida-Rümelin, J., Zierer, K. (2015), S. 202
² Faix, W., Mergenthaler, J. (2013) S. 47

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