Digitale Lehre – die Zukunft der Hochschule?

Die Hochschullehre befindet sich in einem dramatischen Wandel. Die zentrale Elemente der Hochschullehre, das Lehren, Lernen und Prüfen, werden sich massiv verändern, aber auch neue Möglichkeiten für die Präsenzlehre vor Ort eröffnen. Digitale Hochschullehre bedeutet längst nicht mehr nur Online-Anmeldung für Kurse und Herunterladen von Powerpoint-Folien. Digitale Hochschullehre kann viele mehr: Ob Lehrvideos, differenzierte Online-Tests oder gar „Massive Open Online courses“ , die Möglichkeiten sind beinahe grenzenlos.

Bill Gates hat bereits 2010 prognostiziert: „In fünf Jahren wird man die besten Vorlesungen der Welt kostenlos im Internet finden.“ Die rasante Verbreitung von MOOC – Massive Open Online Courses -, im Netz angebotene Kurse („Online“) mit Open Resources und einer Teilnehmerzahl, die teilweise in die Hundertausende geht („Massive“) und die jedem Lerner ohne Kosten offenstehen („Open“), belegen diese Vorhersage. Die durch die Digitalisierung erzwungene Revolution des Bildungssystems im Hochschulbereich steht erst am Anfang.[1] So gründete 2011 der gebürtige Solinger Sebastian Thrun, der bisher Professor an der renommierten Stanford University war und das geheime Forschungslabor Google X aufgebaut hat, die Online-Universität Udacity, die heute mit 120 Mitarbeitern mehr als drei Millionen Studierende betreut. Sein Ziel ist klar formuliert die „Demokratisierung des Wissens“. [2] Die Inhalte konzentrieren sich zunächst auf den berufsbildenden Bereich, sollen aber zukünftig ausgedehnt werden. Udacity stellt dabei nicht einfach Vorlesungen ins Netz sondern baut ihre Kurse in einem gemeinsamen Entwicklungsprozess mit der Wirtschaft auf, u.a. mit Google und Facebook. Das Ziel ist, dass die Abschlüsse von Udacity mittels „Nanodegrees“ in der Praxis mit den klassischen Universitätsabschlüssen gleich gestellt werden, aber zu einem Bruchteil der bisherigen Studienkosten.

Damit entwickeln sich neue Anbieter im Markt für Hochschulbildung mit attraktiven Leistungen, so dass sich auch die etablierten Hochschulen verändern müssen, wenn sie weiterhin Akzeptanz finden wollen. Deshalb wird es zwangsläufig zu grundlegenden Veränderungsprozessen in den Hochschulen kommen, vielleicht nicht sofort, aber im kommenden Jahrzehnt.

Die deutschen Hochschulen haben in den vergangenen Jahren hohe Investitionen in digitalisierte Lehr- und Lernmaterialien, Learning Management Systeme, virtuelle Labore oder  aufgezeichnete Vorlesungen getätigt. Der Erfolg war jedoch häufig nicht zufriedenstellend. In einer Untersuchung zur Mediennutzungsgewohnheit der Studenten zeigte es sich, dass die Studenten vor allem externe Angebot im Internet, wie Google Websuche, externe E-Mail-Konten, Wikipedia und Online-Wörterbüchern, nutzten. Bei den universitätsinternen Angeboten sind vor allem Medienangebote beliebt, die sich um die Präsenzlehre lagern, wie beispielsweise gedruckte und elektronische Lehrbücher sowie Skripte der Dozenten, aber auch allgemeine IT- und Informationsdienste, wie Campus W-LAN oder Online-Bibliothekskataloge.

Auffallend ist, dass Angebote, die eine aktive Partizipation der Studierenden erfordern, wie Wikis, d.h. webbasierte und asynchrone Autorensysteme, Blogs, bei denen viele kleine Inhalte („Micro-Content“) in Form von Texten, Bildern, Sound oder Videos der Lerner – genannt “posts” – einen Zeitstempel erhalten und in einer umgekehrt chronologischen Reihenfolge abgelegt werden, interaktive Lernsoftware oder virtuelle Lehr-Lernformen nur selten und mit geringer Zufriedenheit genutzt werden. [3] Dieses Verhalten ist allzu verständlich, so lange Klausuren fast ausschließlich auf Wissen fokussiert sind. Es wurde auch deutlich, dass sich soziale Medien für selbstorganisiertes Lernen und die traditionelle, eher fremdgesteuerte  Lehrkultur an den Hochschulen nicht ohne weiteres miteinander vereinbaren lassen, auch wenn die Studenten bereits in hohem Maße medienaffin sind. Es genügt nicht, wie dies leider meist der Fall ist, einfach Lernmaterialien ins Netz zu stellen, auch wenn es schön aufbereitete Power Point Präsentationen oder Videos sind, und Foren oder Blogs anzubieten, ansonsten aber nichts an dem bisherigen Lehrkonzept zu verändern. Auch in den Hochschulen wird eine radikale Veränderung der Strukturen und der Lernkultur erforderlich.

Jürgen Handke, Professor für Anglistik und Linguistik an der Universität Marburg, der die größte digitale Lernplattform seines Fachs betreibt, zahlreiche Lehrvideos produziert hat (https://www.youtube.com/user/LinguisticsMarburg) und einen reinen Online-Studiengang anbietet hat einen Vorschlag für die digitale Zukunft der Hochschulen veröffentlicht:  Handbuch Hochschullehre Digital – Leitfaden für eine moderne und mediengerechte Lehre. Das Buch startet mit Thesen zur Digitalisierung:

  • Digitalisierung ist zum Normalfall geworden.
  • Digitale Lehr- und Lernszenarien verbessern die Hochschullehre
  • Lernen besteht nicht nur aus Videoschauen
  • Die Didaktik muss die Technologie führen und nicht umgekehrt.

Daraus leiten sich folgende Empfehlungen ab:

  • Entwickeln Sie eine neue Wertschätzung für die Lehre! Bevor Lehrende sich nicht durch ihre Lehre und nicht nur durch ihre Forschung profilieren können, ist eine flächendeckende Digitalisierung unwahrscheinlich.
  • Verteilen Sie die Lasten auf viele Schultern! Hochschulübergreifende digitale Materialpools, die frei zugängliche digitale Bildungsmaterialien mit selbst erzeugten digitalen Komponenten kombinieren, können der Kostendruck erheblich mildern.
  • Sorgen Sie für mehr Lehr/Lerneffizienz durch neue Präsenzformate! In invertierten Lernszenarien wird eine permanente Dozent-Student-Interaktion möglich, die individuelle Hilfestellung bietet und Forschungsfragen gemeinsam lösen, diskutieren und vertiefen lässt.
  • Haben Sie keine Angst vor neuen Lehr- und Lerntechnologien! Deshalb benötigen die Lehrenden vor allem Medienkompetenz.

Zunächst analysiert der Autor die veränderten Rahmenbedingungen, den digitalen Alltag. Die Hochschulen haben es danach mit einem studentischen Klientel zu tun, die nahezu vollständig „digitalisiert“ lebt. Die Technologie ist heute integraler Bestandteil der Interaktion, der Arbeitswelt, des Lernens und der Wissensbeschaffung. Im Netz findet man heute wissenschaftliche Inhalte als OER – Open Educational Ressources – in einem Ausmaß und in einer Qualität, wie dies vor Jahren kaum denkbar war.

Danach steht zunächst der Aspekt der Lehre im Vordergrund. Nach einer Analyse der klassischen Lehre wird der Übergang zur digitalisierten Lehre erörtert. Dabei kristallisieren sich nach Meinung des Autors Videomaterialien und multimediale Elemente (bei denen Video oft ein integraler Bestandteil ist) für die Digitalisierung der Lehre heraus. Ziel der Digitalisierung der zentralen Elemente einer Lerneinheit sollte es demnach sein, ausgewählte Inhalte in geeignete Videoformate zu übertragen.

Auf Basis einer Videoklassifikation werden nunmehr verschiedene Formate, von Live-Aufnahmen im „Hörsaal“ , über Studioaufnahmen bis zu sogenannten „Office-Settings“, die überall gedreht werden können, abgeleitet. Danach wird erläutert, wie digitale Materialien gefunden, erstellt und zu einem Gesamtpaket zusammengestellt und wie digitalisierte Lehreinheiten und deren Begleitmaterialien, elektronische Testszenarien, die Kommunikation im Netz, kollaboratives Arbeiten sowie die Präsenzphasen gestaltet werden können. Hierbei lässt sich der Autor vor allem durch den Ansatz des „Inverted Classroom“ leiten, so dass die Lehrenden Freiräume erhalten. Danach folgen konkrete Handlungsanleitungen zur Entwicklung und Bereitstellung von Lehrvideos.

Der Autor kommt zum Ergebnis, dass mit einer weitreichenden Digitalisierung viele Probleme der Hochschulehre, z.B. mangelnde Transparenz, Qualitätssicherung, inhaltliche Redundanz, Nachhaltigkeit, inhaltliche Quantität, Zielgruppenproblematik und Stundenplankollisionen gelöst werden könnten. Ungelöst bleiben jedoch zunächst eine Reihe von hemmenden Faktoren, wie z.B. die mangelnde Medienkompetenz der Hochschullehrer, die unterschiedliche Gewichtung von Forschung und Lehre, Urheberrechtsfragen, Barrierefreiheit der Medien oder die Anrechnung auf Lehrdeputate.

Das Fachbuch von Jürgen Handke geht  von der Prämisse aus, dass Digitalisierung im Hochschulbereich bedeutet, die Lehre in neue Formate zu übertragen. Diesen Prozess beschreibt der Autor sehr kompetent und praxisnah. Dabei lässt er jedoch entgegen seiner Eingangsthese, dass die Didaktik die Technik führen muss, die grundlegende didaktische Frage, ob Digitalisierung im Hochschulbereich eine Entwicklung von Lehrkonzepten zu Lernkonzepten bedeutet, weitgehend außen vor.

Folgt man beispielsweise den heute breit diskutierten Ansätzen der Ermöglichungsdidaktik von Rolf Arnold, dem Vorschlag des „forschenden Lernen“ nach Gabi Reinmann oder den kompetenzorientierten Lernlösungen, die vor allem im betrieblichen Bereich an Bedeutung gewinnen, dann bietet die Digitalisierung die Chance, von der Zielsetzung über die Lerninhalte bis zur Gestaltung der Lernarrangements das Lernen in den Hochschulen grundlegend neu zu denken. Dann unterstützt die Digitalisierung jedoch vermutlich vor allem das projektorientierte, forschende Lernen der Studierenden und nicht mehr den Aufbau von Fachwissen, das in zunehmend raffinierter gestalteten Test abgeprüft (und meist wieder rasch vergessen) wird.

Man spürt in diesem Buch deutlich, dass der Autor seine Vorschläge für eine digitalisierte Hochschullehre selbst lebt und damit in der Lage ist, ein breites Spektrum an nützlichen Erfahrungen einzubringen. Deshalb findet der Leser, der diesen Weg der digitalisierten Lehre gehen will, eine Menge praktischer und direkt umsetzbarer Hinweise und Handlungsanleitungen. Aus diesem Blickwinkel ist das Buch zu empfehlen.

Ich bin jedoch der Überzeugung, dass der Weg der digitalisierten „Lehre“ ein Irrweg ist, weil sie immer noch von der Illusion der „Wissensvermittlung“ ausgeht. Die Hochschule der Zukunft wird vielmehr einen Ermöglichungsrahmen bieten müssen, der forschendes Lernen der Studierenden unterstützt, indem ihnen Planungsinstrumente für ihre individuellen Lernprozesse, Kommunikations-, Kollaborations- und Dokumentationstools, einschließlich E-Portfolio, Content und Feedback-Instrumente zur Verfügung stellt. Der Lernerfolg wird dann nicht mehr über Wissensabfragen („Bulimielernen“) sondern im Prozess des Forschens bzw. anhand der Forschungsergebnisse gemessen. Dies setzt natürlich voraus, dass eine neue Didaktik entwickelt wird und die Rolle der Professoren grundlegend neu gestaltet wird. Ein Experimentieren allein mit neuen Medien, insbesondere Lehrvideos, wie  von Handke vorgeschlagen,  ist jedoch nicht zielführend, weil die Möglichkeiten des Lernens in innovativen Lernarrangements dabei nur zu einem Bruchteil genutzt werden.

 

[1] Vgl. Robes, J. (2015)

[2] vgl. FAS 11.1.2015

[3] Vgl. Gidion, G., Grosch, M. (2012) S. 450 – 451

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