Die digitale Bildungsrevolution – begreifbar gemacht.

Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt von der Bertelsmann-Stiftung sagen in ihrem Buch „Die digitale Bildungsrevolution“ einen radikalen Wandel des Lernens voraus.

Wie wir lernen verändert sich einschneidend, unsere Schulen und Hochschulen werden auf den Kopf gestellt. Big Data erfasst das Bildungssystem, auch die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind gravierend. Anhand zahlreicher Beispiele aus aller Welt wollen die Autoren aufzeigen, was auf uns zukommt. Sie schildern, welche neuen Chancen sich jedem von uns bieten, warnen aber auch vor den Gefahren der Datenkrake, des gläsernen Lerners und der Übermacht des Algorithmus.

Die Autoren wollen aufzeigen, wie die vernetzte Welt nicht nur unser Bildungssystem, sondern auch unsere Gesellschaft grundlegend verändern wird, wie bisherige Bildungsverlierer neue Chancen bekommen und alte Eliten in Bedrängnis geraten. Sie warnen davor, dass digitale Bildung Unmengen von Daten erfassen. Es droht der gläserne Lerner, der im Netz unauslöschliche Spuren hinterlässt und zum Opfer von Algorithmen und Wahrscheinlichkeiten wird.

Stephen Downes, ein kanadischer Wegbereiter innovativer Lernsysteme im Netz, hat behauptet, dass das Web 2.0 keine technologische, sondern eine soziale Revolution darstellt. Diese digitale Bildungsrevolution hat bereits begonnen und wird nicht aufzuhalten sein. Digitales Lernen kann mit der Erfindung des Buchdruckes verglichen werden, weil Wissen demokratisiert und gute Bildung weltweit jedem zugänglich gemacht werden kann. Andere haben dagegen die Befürchtung, dass unser „bewährtes“ Bildungssystem in Schulen und Hochschulen zerstört wird.

Das deutsche Bildungssystem verharrt nahezu in einer Starre. Die Nutzung von Computern spielt in den Schulen nur eine marginale Rolle. Deutschland liegt hier weit hinter anderen Ländern zurück. Viele Pädagogen lehnen den Einsatz neuer Medien ab, trotzdem ist der Veränderungsprozess nicht aufzuhalten.

Digital ermöglichtes Lernen wird das Bildungssystem Zukunft bestimmen. Dafür müssen die Strukturen der Schulen und Hochschulen, aber auch der betrieblichen Bildung, fundamental verändert werden. Das beginnt bei den Zielen, geht über die Zersplitterung der Themen in Unterrichts- oder Studienfächer bis zum Zwang, fast ausschließlich Bulimielernen zu bewerten. Der Paradigmenwechsel liegt in der Verlagerung der Lernverantwortung auf die Lerner, die die Freiheit erlangen, ihre Lernprozesse selbst zu gestalten, ihre Lernziele und –inhalte sowie ihre Lernmethoden innerhalb eines Lernrahmen selbst auszuwählen und anzuwenden. Die heutigen Lehrer, Dozenten und Trainer wandeln ihre Rolle zum Lernbegleiter, die Kommunikation mit den Lerner erfolgt auf Augenhöhe. Insgesamt werden Freiräume für Empathie, Interesse, Vertrauen und Werte geschaffen. Die heutigen Bildungsanbieter benötigen deshalb grundlegend veränderte Geschäftsmodelle, damit sie in dem Bildungsmarkt der Zukunft bestehen können.

Die digitale Revolution wird aber auch unsere Gesellschaft grundlegend verändern. Alle können Zugang zu günstiger und guter Bildung erhalten, Können zählt mehr als Titel, soziale Netzwerke werden wichtiger als persönliche Beziehungen, die Gesellschaft wird fairer. Damit rückt das viel zitierte Ziel von Wilhelm von Humboldt „Bildung für alle“ in greifbare Nähe. Die analoge und die digitale Bildungswelt werden noch lange parallel nebeneinander bestehen. In vielen Fällen wird es eine sinnvolle Verknüpfung beider Bereiche geben.

Diese Veränderungsprozess beinhalten aber auch große Risiken, da in digitalen Bildungsprozessen Unmengen von sehr persönlichen Daten erfasst und ausgewertet werden. Werden Lerndaten zweckentfremdet und missbraucht, droht soziale Ungleichheit. Deshalb muss der digitale Wandel in der Bildung aktiv gestaltet werden.

Es gibt kaum empirische Untersuchungen, insbesondere keine langfristigen Studien, über die digitale Bildung. Die Autoren entwickeln deshalb Ihre Argumente auf der Basis von konkreten Fallbeispielen aus der ganzen Welt über Menschen, welche die digitale Bildungsrevolution bereits erleben.

Das Buch hat einen dreiteiligen Aufbau. Im Auftaktteil beschreiben die Autoren die Vorboten der Bildungsrevolution, berichten von ungewöhnlichen Reformern und analysieren den steigenden Veränderungsdruck in Bildung und Gesellschaft.

Aus einem Bericht über das Silicon Valley und die Internet-Uni Udacity leiten sie die Forderung nach einem individualisierten Bildungsangebot in Form einer digitalen Personalisierung ab.

Bildung wird zur Massenware, die Hörsäle quellen über und Vielfalt wird zur Normalität. Trotzdem dominieren in Deutschland immer noch Lehrpläne für „durchschnittliche“ Schüler, die es nicht gibt. Der gleiche Lehrer unterrichtet alle gleichaltrigen Schüler im gleichen Tempo mit dem gleichen Material im gleichen Raum mit den gleichen Methoden und den gleichen Zielen. Die Aufgaben wachsen, gleichzeitig explodieren die Kosten.

Danach beschreiben sie in sechs Szenen sehr anschaulich, was digitale Bildung bereits kann und was noch möglich sein wird. Dazu gehören u.a. die Khan Academy, die standardisiertes Schulwissen in mehr als 5.500 frei zugänglichen Videos erschließt, sowie die Angebote von offenen Onlinekursen, sogenannten MOOCs – Massive Open Online Courses. Es reicht dabei nicht aus, standardisiertes Wissen online zur Verfügung zu stellen, sondern dass personalisiertes Lernen, das über den reinen Wissensaufbau hinaus geht, notwendig ist.

Am Beispiel der David A. Boody School im Stadteil Brooklyn in New York wird ausführlich beschrieben, wie massgeschneidertes Lernen für alle möglich sein kann. Jeden Nachmittag errechnet der Computer für jeden Schüler seinen individuellen Lernplan, aus dem hervorgeht, an welchen Themen er noch weiter arbeiten muss und welches die beste Lernmethode für ihn ist. Jeder lernt nach seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten. Die Lehrer werden dabei nicht überflüssig, sie begleiten nunmehr die individuellen Lernprozesse und helfen bei Bedarf.

In Zukunft werden die Bildungsinstitutionen jenseits von Eliteschulen besser auf die individuellen Ansprüche der Lerner eingehen können. „Harvard für alle“ wird möglich. Intelligente Software richtet sich nach Tempo, Lernstil und Fähigkeiten des Einzelnen, führt zu individuell passenden Aufgaben. Die Lektionen werden in kleine Module aufgebrochen, die Algorithmen für jeden Schüler zu einem persönlichen Lernweg kombinieren. Alle kommen ans Ziel, die Wege und die Geschwindigkeit sind zwar unterschiedlich, aber niemand wird mehr überfordert oder gelangweilt.

Weitere Beispiele, die beschrieben werden, sind das spielerische Lernen in Form einer Brandschutzübung, Lesen lernen mit der Online-Plattform Antolin oder emotional passendes Lernen im MIT Media Lab. Ein Kapitel widmet sich dem vernetzten Lernen, der Macht der menschlichen Kollaboration. Spielerisches Lernen schlägt qualvolles Pauken, das Netzwerk schlägt den Einzelnen.

Personalisierte Bildung erfordert auch personalisiertes Feedback. Deshalb kommt dem Peer-to-Peer-Prinzip in innovativen Lernsystemen eine besondere Bedeutung zu. Algorithmen werden zukünftig einen Weg durch den Bildungsdschungel weisen, so dass die Erfolgsquoten der Studierenden, wie bereits in einzelnen Projekten nachgewiesen, sich nahezu verdoppeln können.

Ausführlich beschäftigen sich die Autoren mit der Sorge, dass Big Data zu einer Überwachung und Entmündigung der Lerner führt. Der Kern der Privatsphäre muss auf jeden Fall bewahrt bleiben und der Student muss endgültige Entscheidung bewahren.

Ein Problem besteht darin, dass digitale Lernwege meist nicht mit anerkannten Abschlüssen enden, die von den Arbeitgebern nach wie vor verlangt werden. Deshalb werden Algorithmen, z.B. von LinkedIn, entwickelt, die künftig Menschen und Jobs zusammen bringen. Damit werden Kompetenzen und Erfahrungen, die man für eine Aufgabe benötigt, entscheidend. Es entstehen neue Standards, jenseits von Hochschul- und Berufsabschlüssen.

In ihrem Ausblick fordern die Autoren eine staatkiche Regulierung, um negative Folgen einer „Datenkrake“ zu verhindern. Benötigt wird eine gesetzliche Regelung, die einen verständlichen Rechtsrahmen für die Nutzung von Bildungsdaten schafft. Daneben schlagen sie eine Selbstverpflichtung aller Beteiligten, Bildungsdaten nicht zu missbrauchen, vor.

Die Autoren fordern eine grundlegende Veränderung des gesamten Bildungssystems. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Staatliche Vorgaben verlieren an Bedeutung, die staatliche Regulierung muss sich an die Digitalisierung anpassen, die Bündelung der Hochschulangebote wird aufgelöst, Schulen werden die digitale Dynamik um sie herum nicht mehr ignorieren können, die Rollen der heutigen Lehrer, Dozenten oder Trainer wandeln sich zu Lernbegleitern, die Geschäftsmodelle der Bildungsanbieter müssen grundlegend neu gestaltet werden…

Im Ausblickteil setzen sie sich mit den Gefahren von Big Data auseinander und zeigen, wo sich die größten Veränderungen in den Bildungssystemen ankündigen. Zum Schluss entwickeln sie Handlungsvorschläge.

  1. Pädagogik vor die Technik stellen: Der digitale Wandel ist kein Problem, sondern ein Teil der Lösung, die innovative Lernarrangements ermöglicht.
  2. In Menschen investieren: Digitale Qualifizierungsoffensive für Pädagogen starten.
  3. Lernen fürs Leben: Schüler digitalkompetent und datensouverän machen.
  4. Analoges digital aufbereiten und offene Lernmaterialien fördern
  5. Transparenz über die Qualität digitaler Lernangebote schaffen
  6. Schneller und zuverlässiger Netzzugang: Verschwendete Investitionen vermeiden
  7. Ermöglichen statt verbieten: Rechtssicherheit für die Schulen schaffen
  8. Bürokratische Hürden abbauen: Unzeitgemäße Regulierung abschaffen
  9. Mut zur Innovation: Pädagogische Laboratorien und Gründerkultur fördern
  10. Praxisnahe Begleitforschung stärken

Deutschland benötigt eine digitale Bildungsrevolution!

Dieses Buch vermittelt dem Leser in vorbildlich anschaulicher Form ein Bild über den aktuellen Stand der Digitalisierung im Bildungsbereich und zeigt auf, in welche Richtung sich unsere Bildungssysteme bewegen müssen, wollen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren. Gleichzeitig weisen die Autoren deutlich auf die Gefahren hin, die mit Big Data in der Bildung verbunden sind. Sie zeigen aber auch klar auf, was der Staat und die Bildungsanbieter leisten müssen, um dieser Gefahr entgegen zu treten. Das Werk ist damit sehr gut geeignet, allen, die Verantwortung für unsere Bildung haben, vor Augen zu führen, was verändert werden muss.

Das Buch bildet damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte über die Zukunft der Bildung. Es ist zu wünschen, dass alle politisch und institutionell Verantwortlichen, aber auch alle Betroffenen, von den Lehrern über die Dozenten und Trainer bis zu den Eltern und Lernern, sich mit dem Werk auseinandersetzen.

 

 

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