Digital Leadership

Thorsten Petry, Inhaber des Lehrstuhls für Organisation und Personalmanagement an der Wiesbaden Business School der Hochschule RheinMain, hat einen Sammelband „Digital Leadership. Erfolgreiches Führen in Zeiten der Digital Economy“ heraus gegeben ( 2016, Freiburg), das ich als  ein sehr wichtiges Buch zur richtigen Zeit empfinde. Während zwischenzeitlich weitgehend unbestritten ist, dass die Veränderungen im Arbeitsprozess grundlegenden Charakter haben, sind die Führungssysteme und die Führungskräfte überwiegend noch nicht auf diese Veränderungen vorbereitet. Dabei bildet dieser Bereich eine wesentliche Voraussetzung für die Kompetenzentwicklung im Prozess der Arbeit und im Netz.

Die Unternehmen erfahren radikale Umbrüchen im Wettbewerb, im Kundenverhalten und in der Arbeitswelt. Ein wesentlicher Treiber dieser Veränderungen ist die exponentielle technologische Entwicklung, die meist mit Digitalisierung bezeichnet wird. Dies hat wesentliche Veränderungen für die Gesellschaft, Kunden, Märkte, Arbeit und Unternehmen zur Folge. Diese Digital Economy ist durch eine zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit geprägt.

Die Digitalisierung ist dabei der zentrale Transformationstreiber. Dabei wird unter Digitalisierung verstanden:

  • Technisch: Die Aufbereitung von Informationen zur Verarbeitung oder Speicherung in einem digitaltechnischen System
  • Ganzheitlich: Transformationsprozess von Unternehmen oder Branchen, die weitreichende strategische, organisatorische oder soziokulturelle Veränderungen mit sich bringen.

Digitalisierung steht für die Gesamtheit der durch die neuen Technologien getriebenen Veränderungen. Es geht also um die tiefgreifende Veränderung etablierter Geschäftsmodelle und Managementansätze. Umstritten bleibt, wie schnell diese Veränderungen stattfinden, ob es also eine Evolution oder eine Revolution ist.

Zentrale technologische Kernthemen der Digitialisierung sind:

  • Die Vernetzung der Menschen und Gegenstände
  • Künstliche Intelligenz
  • Big Data

Parallel dazu zeigt sich ein Wertewandel in der Gesellschaft. Die Art und Weise, wie Menschen miteinander, aber auch mit Computern, kommunizieren, verändert sich dramatisch.

Die digitale Transformation, häufig als Enterprise 2.0, Industrie 4.0, oder Arbeit 4.0 bezeichnet, verändert damit alle Lebensbereich und alle Branchen. Dies führt zu grundlegenden Umwälzungen in der Art, wie wir Leben, Arbeiten und Lernen. Zukünftig werden automatisierte und intelligente Monitoring- und Entscheidungsprozesse möglich sein. Strukturierte und unstrukturierte Daten werden durch Big Data Analytics in Echtzeit ausgewertet und können zur Steuerung von Unternehmen genutzt werden. Neu ist insbesondere, dass bei dieser Revolution der Arbeitswelt nicht nur Routineaufgaben, sondern zunehmend auch Tätigkeiten betroffen sind, die eine hohe Qualifikation erfordern. Für die Unternehmen birgt diese eine Gefahr, aber auch weitgehende Chancen, die nur genutzt werden können, wenn sich die Führung entsprechend verändert.

Die digitale Transformation der Wirtschaft, der Arbeitswelt und der Gesellschaft ist bereits da, so dass neue Formen der Wertschöpfungsprozesse, die sich jahrzehntelang bewährt haben, und innovative Geschäftsmodelle, notwendig werden. So besitzt das größte Taxiunternehmen Uber kein eigenen Taxis, der größte Anbieter von Unterkünften, Airbnb, hat kein Grundeigentum oder Anbieter von Kommunikationsdiensten, wie WhatsApp oder Skype, besitzen keine eigene Telekom-Infrastruktur.

Für die Mitarbeiter führt die zunehmende Vernetzung in Wirtschaft und Gesellschaft dazu, dass sie mit immer schnelleren Veränderungen konfrontiert werden. Dies erfordert neue Kompetenzen, die nur im Prozess der Arbeit erworben werden können, und eine veränderte Führung – Digital Leadership.

Für die Führungskräfte entstehen neue Herausforderungen, die durch die sogenannte „VUCA“-Umwelt beschrieben werden. Das Acronym „VUCA“ steht für die Kräfte, die im Kontext des jeweiligen Unternehmens wirken: Volatilität bzw. Flüchtigkeit, Ungewissheit bzw. Unsicherheit, Komplexität bzw. Vielschichtigkeit und Ambivalenz bzw. Mehrdeutigkeit. Es ist deshalb ein Paradigmenwechsel in der Führung zu erwarten, die zukünftig agiler wird. Dies bedeutet, dass Führungskräfte grundsätzliche Richtungen vorgeben, in Szenarien denken, sich mehrere Optionen offen halten, schwache Signale frühzeitig aufnehmen, mit Lösungsansätzen experimentieren und aus Erfahrungen lernen.

Die Unternehmens- und Personalführung steht dabei vor erheblichen Herausforderungen. Bisher erfolgreiche Führungsmodelle scheitern, weil sie zu inflexibel und zu langsam sind. Führung muss stärker verteilt werden, so dass die gesamte kollektive Intelligenz eines Unternehmens genutzt wird. Diese veränderte Form der Führung wird als Digital Leadership bezeichnet.

Dieser Begriff steht für drei Aspekte der Führung:

  • Unternehmensführung in der Digital Economy
  • Personalführung in der Digital Economy
  • Digital führende Unternehmen

Die Autorinnen und Autoren zeigen sowohl die aktuellen Herausforderungen als auch mögliche Lösungsansätze auf. Es werden aktuelle Fallstudien und Analysen vorgestellt sowie Wege und Ansätze für eine erfolgreiche Digitale Transformation und eine entsprechende Führung in der Digital Economy aufgezeigt.

Es ist eine partizipative Führung erforderlich, die die kollektive Intelligenz systematisch nutzt und einen Rahmen schafft, in dem sich die Mitarbeiter entfalten und entwickeln können. Die einzelnen Mitarbeiter werden Teile von Kooperationsnetzen. Führungskräfte müssen deshalb offen kommunizieren, offenes Feedback geben und auch selbst offen für Kritik sein. Dies setzt voraus, dass sie ihren Mitarbeitern Vertrauen entgegen bringen.

Eine zentrale Basisfähigkeit – „Hygienefaktor“ – ist der sichere Umgang mit sozialen Medien. Ohne diese Medienkompetenz kann die Führung ihre Aufgabe, Vernetzung zu fördern, nicht erfüllen.

Führungskräfte werden zum Treiber und Enabler der Digitalen Transformation.

Digital Leadership verlangt dabei den Spagat zwischen Offenheit und Führung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch „Digital Leadership“ beginnt mit einem Gesamtüberblick des Herausgebers über den Gesamtkomplex „Digital Leadership“, der in sehr klarer und kompakter Form die wesentliche Aspekte des Digital Leadership heraus arbeitet und damit die Grundlage für die vertiefenden Artikel in dem Band bildet.

Frank Schomburg, André Sobieray und der kürzlich verstorbene Prof. Dr. Peter Kruse leiten aus einer Studie zehn Kernaussagen „guter Führung“ ab. Prof. Dr. Wolfgang Jäger und Prof. Dr. Peter Körner zeigen auf, in welche Richtung sich Arbeit und Führung verändern müssen.

Simon Dückert entwickelt ein Leitbild für Digitale Führung, Robert Mangelmann erläutert die zentralen Herausforderungen für die Führung in einem veränderten Finanzdienstleistungsmarkt, z.B. mit Fintechs oder bankfremden Anbietern, wie Apple, Google, Facebook oder Amazon. Claudia Crummenerl und Rita Orsolya Seebode arbeiten aufgrund eines Forschungsprojektes heraus, dass die Faktoren Führung, Befähigung und Kultur für die Digitale Transformation entscheidend sind. Karel Dörner und Jürgen Meffert formulieren neun erfolgskritische Fragen der Digitalen Transformation und zeigen Lösungsansätze dafür auf. Boris Gloger legt dar, welche Faktoren für eine erfolgreiche agile Führung entscheidend sind.

Ein origineller Beitrag kommt von Lydia Schültken, die in einem fiktiven Erlebnisbericht eines Gesprächs auf einer Zugfahrt Ansätze und Tools für die Transformation zu einem partizipativen und agilen Unternehmen erörtert. Ellen Trude beschreibt sehr praxisnah am Beispiel der Robert Bosch GmbH die Kompetenzentwicklung von Community Managern. Stefan Holtel erzeugt Nachdenklichkeit, indem er postuliert, dass Denkmaschinen für die Kopfarbeit die gleichen Auswirkungen haben werden, wie Dampfmaschinen für die Körperarbeit.

Der Herausgeber und Florian Schreckenbach stellen die Ergebnisse einer langjährigen Forschungsreihe zum Thema Enterprise 2.0 vor. Dabei gehen sie insbesondere auf den Aspekt der Kulturveränderung ein. Rüdiger Schönbohm von der Bosch-Gruppe erläutert die Aufgaben, Barrieren und Erfolgsfaktoren von Enterprise 2.0. Daraus leitet er die Konzeption einer ganzheitlichen, strategiegeleiteten und kontinuierlichen Organisationsentwicklung ab. Stefan Grabmeier entwickelt ein Vorgehensmodell in fünf Stufen und zeigt, wie bei Telekom Innovationen aus der Crowd generiert wurden. Johannes Burr zeigt am Beispiel der Axel Springer SE den Prozess der Transformation zu einem digitalen Medienunternehmen. Harald Schirmer berichtet über die Entwicklung von Digitalkompetenzen und die Veränderung der Führungskultur bei Continental.

Thomas Jenewein stellt das Konzept der Digital Leadership bei SAP vor. Marc Stoffel zeigt, wie die Haufe-umantis AG eine partizipative und agile Unternehmenskultur aufbaut. Dabei gilt das Motto: Mitarbeiter führen Unternehmen. Matthias Patz geht auf die Start-up Safari zur Unterstützung der Digitalen Transformation im DB Konzern, indem mehr Corporate Entrepreneurship entwickelt wird. Auch Peter Borchers und Prof. Dr. Martin Kupp zeigen, wie der Inkubator als Transformationsriemen der Digitalstrategie der Telekom fungiert. Zuletzt zeigt Sascha Wolff am Beispiel eines kleinen Unternehmens ohne formelle Hierarchie, wie Unternehmensführung zukünftig gestaltet sein könnte.

In einer gelungenen Mischung aus Unternehmensvertretern, Beratern und Wissenschaftlern ist es Thorsten Petry gelungen, ein überzeugendes und spannend zu lesendes Handbuch zu entwickeln, das den verantwortlichen Führungskräften in den Unternehmen vielfältige Denkanstöße, Konzeptskizzen und Erfahrungsberichte bietet, die sie zur Bewältigung ihrer eigenen Herausforderungen im Zuge der Digitalisierung nutzen können. Das Buch hat das Potenzial zum Standardwerk.

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