Ohne Gefühle keine Kompetenzentwicklung

Dass wir fähig sind, selbstorganisiert und kreativ – also kompetent – zu handeln, dass wir in objektiv offenen Problemsituationen immer neue, überraschende Lösungswege finden, resultiert aus der Tatsache, dass unser Gehirn ein selbstorganisierendes System darstellt, das durch eine in der Evolution erwachsene einzigartige Strukturierung immer neue kognitive Herausforderungen bewältigt (vgl. Erpenbeck 2016).

Haken wies in den „Principles of Brain Functioning“ (1996) nach, dass Lernen die so genannten Ordner (Ordnungsparameter) des komplexen Systems Gehirn verändert. Damit wird klar, dass Lernen nicht einfach Informationsübertragung und –anhäufung darstellt, sondern – wenn man Ordner als Wertungen interpretiert – Informationen immer zugleich mit Wertungen gespeichert werden. Menschen haben in jeder Situation auch immer eine Bewertung dessen, was da passiert. Und das geht mit Gefühlen einher. Erfahrungen, die emotional „imprägniert“ sind, merken wir uns besonders gut und dauerhaft, denn über Emotionen bewerten wir die Relevanz unserer Erfahrungswelt.

Inzwischen haben sich durch die Erfolge von Neurobiologie und Neuropsychologie ziemlich unumstößliche Einsichten für das Lernen und Lehren herausgebildet, die frontal mit traditionellen Vorstellungen kollidieren. Gerhard Roth (2013) hat durch sein mit Kollegen zusammen erarbeitetes Schichtenmodell eine Sicht erarbeitet, die vielleicht in Details noch korrigiert werden mag, die aber durch Pädagogen– und Weiterbildnerwünsche nicht mehr ausgehebelt werden kann und die, wenn man sie richtig interpretiert, den Spielraum von Pädagogen und Weiterbildnern sogar beträchtlich erweitert.

Persönlichkeitsmerkmale wirken auf vier strukturell-funktionalen Ebenen des Gehirns, und zwar drei limbischen Ebenen und einer kognitiven Ebene. Diese Ebenen entstehen zu unterschiedlichen Zeiten der Hirnentwicklung und haben einen unterschiedlichen Einfluss auf Persönlichkeit und Verhalten (vgl. Roth 2013):

  • Die untere Ebene (Hypothalamus – zentrale Amygdala –vegetative Zentren des Hirnstamms) ist die „Ebene unbewusst wirkender angeborener Reaktionen und Antriebe: Schlafen-Wachen, Nahrungsaufnahme, Sexualität, Aggression – Verteidigung – Flucht, Dominanz, Wut usw. Diese Ebene ist überwiegend genetisch oder durch vorgeburtliche Einflüsse bedingt und macht unser Temperament aus. Sie ist durch Erfahrung und Erziehung kaum längerfristig zu beeinflussen.“
  • Die mittlere limbische Ebene (basolaterale Amygdala, mesolimbisches System) ist die „Ebene der unbewussten emotionalen Konditionierung: Anbindung elementarer Emotionen (Furcht, Freude, Glück, Verachtung, Ekel, Neugierde, Hoffnung, Enttäuschung und Erwartung) an individuelle Lebensumstände. Die Amygdala ist auch der Ort unbewusster Wahrnehmung emotionaler kommunikativer Signale (Blick, Mimik, Gestik, Körperhaltung, Pheromone) und der primären Bindungserfahrung.“
  • Die obere limbische Ebene (Prä- und orbitofrontaler, cingulärer und insulärer Cortex) ist die „Ebene des bewussten emotional-sozialen Lernens: Gewinn- und Erfolgsstreben, Anerkennung–Ruhm, Freundschaft, Liebe, soziale Nähe, Hilfsbereitschaft, Moral, Ethik. Sie entwickelt sich in später Kindheit und Jugend. Sie wird wesentlich durch sozial-emotionale Erfahrungen beeinflusst. Sie ist entsprechend nur sozial-emotional veränderbar.“
  • Die kognitiv-sprachliche Ebene (Linke Großhirnrinde, besonders Sprachzentren und präfrontaler Cortex) ist die „Ebene der bewussten sprachlich-rationalen Kommunikation: Bewusste Handlungsplanung, Erklärung der Welt, Rechtfertigung des eigenen Verhaltens vor sich selbst und anderen. Sie entsteht relativ spät und wandelt sich ein Leben lang. Sie verändert sich im Wesentlichen aufgrund sprachlicher Interaktion.“

Die Schlussfolgerung daraus klingt paradox: Die Ebenen, die am stärksten Einfluss auf unser Verhalten haben, sind am wenigsten veränderbar. Die untere Ebene ist kaum beeinflussbar. Die mittlere limbische Ebene der Konditionierung ist durch das Ansprechen individuell-emotionaler Motive und durch langes Einüben veränderbar.

Auch die obere limbische, d.h. sozial – emotionale Ebene,  ist im Wesentlichen durch soziale Interaktion und Kommunikation zu beeinflussen. Die kognitiv – sprachlich – rationale Ebene hat von sich aus keinen Einfluss auf unser Verhalten, sondern immer nur in Verbindung mit den anderen Ebenen.

Verstärkend erklärt Roth an anderer Stelle: „Worte sind nicht ganz unnütz, aber sie alleine bewirken nichts, sondern immer nur mit bewussten Emotion und noch besser mit unbewussten Emotionen.“

Die Modellierung des Gehirns zeigt somit, dass Lernen nicht einfach Informationsübertragung und –anhäufung darstellt, sondern – wenn man Ordner als Werte interpretiert – Informationen immer zugleich mit emotionalen Bewertungen, mit Werten zusammen gespeichert werden. Emotionen wirken als Kontrollparameter der Gedächtnisformung, vom Anfang bis zum Ende. Sie aktivieren qualitativ unterschiedliche Gedächtnisinhalte. Emotionale Erfahrungen merken wir uns besonders gut, denn über Emotionen bewerten wir unsere Erfahrungswelt nach dem Kriterium ‚relevant – irrelevant’.

Deshalb ist bei der Entwicklung von Lernkonzeptionen die zentrale Frage, welche physischen, psychischen und sozialen Prozesse für Menschen derart relevant sind, dass sie zu wirkungsvollen emotionalen Anstößen oder Irritationen führen.

Kompetenzentwicklung wird immer dann ermöglicht, wenn bei der selbstorganisierten und kollaborativen Bearbeitung von Herausforderungen im Prozess der Arbeit und offenen Entscheidungsproblemen Kommunikationsprozesse initiiert werden, bei denen innere Widersprüche und Erfahrungen, die zur persönlichen Einstellung oder getroffenen Entscheidung in Widerspruch stehen (Dissonanzen), erlebt und bewältig werden (Labilisierung).

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