Fit für die Digitalisierung – auch im Mittelstand

Auf dem nationalen IT-Gipfel am 16. und 17. November in Saarbrücken lautet das Motto „Lernen und Handeln in der digitalen Welt“. Dabei werden die Themen der Digitalen Agenda der Bundesregierung aufgegriffen. Mit dem Aktionsprogramm Digitalisierung soll diese Strategie konkretisiert werden.

Die Tagung scheint in erster Linie einen politischen Signalcharakter zu haben. Das Programm ist prall gefüllt mit Ministern, Staatssekretären, Gewerkschafts- und Verbandsvertretern, Vorstandsvorsitzenden und Institutsleitern, bis hin zur Bundeskanzlerin, die häufig im zehnminütigen Takt präsentieren oder mit einem jeweiligen Zeitanteil von durchschnittlich 7,5 Minuten „diskutieren“.

Sehr interessant finde ich die Empfehlungen und Praxisbeispiele für Unternehmen und Beschäftigte, die von der Plattform Industrie 4.0, einem Netzwerk von mehr als 150 Organisationen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Gewerkschaften, veröffentlicht wurden. Darin werden konkrete Vorschläge mit Beispielen zur Bewältigung der Anforderungen der Digitalisierung vorgestellt.

Denkt man diese Empfehlungen weiter, wird einem deutlich, dass damit von der Plattform Industrie 4.0eine radikale Veränderung unserer betrieblichen Aus- und Weiterbildungssystem, insbesondere auch im Mittelstand, gefordert wird.

Veränderungen durch die Digitalisierung analysieren

Die Unternehmen werden aufgefordert, ein realistisches und differenziertes Bild des Lernbedarfes zu ermitteln. Dies bedeutet, dass zu untersuchen ist, welche Veränderungen die Digitalisierung im Arbeitsprozess und für die Kompetenzen der Mitarbeiter bewirkt, um daraus die entsprechenden Anforderungen an das Bildungssystem, die Ziele und Inhalte aber auch an die Kompetenzen der Learning Professionals abzuleiten.

Dies entspricht unserer häufig dargestellten Forderung, dass das Lernsystem ein Spiegelbild der Arbeitswelt sein muss, besser noch, die zukünftigen Entwicklungen im Arbeitsprozess widerspiegelt. Das Lernen muss deshalb wieder an den Arbeitsplatz wandern und zunehmend im Netz erfolgen. Deshalb werden Social Workplace Learning Konzepte notwendig, die Arbeiten und Lernen konsequent zusammen führen und selbstorganisierte Kompetenzentwicklung ermöglichen.

Ausbildung betrieblich gestalten

Die Schwerpunkte der dualen Berufsausbildung sind nach dieser Empfehlung konsequent an den aktuellen, werksspezifischen Bedarfen auszurichten. Im Rahmen der betrieblichen Berufsausbildung werden deshalb z.B. Anlagen von den Auszubildenden selbst geplant und konstruiert. Dabei werden die Netzwerke im Unternehmen durch die Auszubildenden konsequent genutzt. Durch die engere Verzahnung zwischen Ausbildung und Produktion wird die Beschäftigungsfähigkeit der Auszubildenden deutlich erhöht.

Auch diesen Vorschlag empfinde ich als eine zwingende Konsequenz aus der Digitalisierung. Es entsteht dabei jedoch die Frage, welche Rolle die Berufsschulen in der Berufsausbildung der Zukunft spielen sollen. Wenn der Wissensaufbau und die Qualifikation zunehmend innerhalb von Praxisprojekten „on-demand“ mit digitalen Systemen und im Netz, mit Lernpartnern und Experten, erfolgt und der Kompetenzaufbau bei der Lösung von Praxisaufgaben im Betrieb selbstorganisiert gestaltet wird, bleibt für die Berufsschulen kaum mehr etwas übrig. Es sei denn, sie übernehmen die Aufgabe, für die Auszubildenden einzelner Beruf einen „Ermöglichungsrahmen“ zu entwickeln, laufend zu optimieren und die Lernprozesse der Auszubildenden bei der Bewältigung von Herausforderungen im Arbeitsprozess und in Praxisprojekten in Kooperation mit den Betrieben zu begleiten. Dies würde jedoch bedeuten, dass die heutigen Curricula durch dynamische Kompetenzfelder ersetzt werden, die sich laufend der Entwicklung in der Praxis anpassen. Auch wäre es notwendig, die Kompetenzen der Berufsschullehrer für die professionelle Begleitung informeller Lernprozesse in der Berufsausbildung mit digitalen Lernsystemen auszubauen.

Weiterbildung flexibel machen

Es wird gefordert, dass die Mitarbeiter die Möglichkeit erhalten, individuelle Lernziele zu formulieren, damit personalisierte Lernprozesse möglich sind. Dies bedingt neue Formen des Lernens, wie bereits unter Punkt 1 angeführt.

Lernen am Arbeitsplatz fördern

Diese Empfehlung leitet sich aus den ersten drei Vorschlägen ab. Es wird empfohlen, den Rahmen für Lernen am Arbeitsplatz zu schaffen, die Arbeit altersgerecht und lernfördernd zu gestalten sowie vermehrt arbeitsplatzintegrierte, flexible Lernformen zu nutzen. Als Beispiel wird ein „Appsist“, also ein Lernassistent, genannt, der sich dem Nutzer und der jeweiligen Situation anpasst und dem Mitarbeiter die jeweils beste Lösung vorschlägt, ihm aber auch das notwendige Wissen gezielt zur Verfügung stellt.

Damit kommen wir dem Bild des „humanoiden“ Computers sehr nahe, den John Erpenbeck und ich als zukünftigen persönlichen Lernpartner für die Ermöglichung personalisierter, selbstorganisierter Lernprozesse bereits vor drei Jahren beschrieben haben.[1]

Insbesondere für den Mittelstand sehe ich die Notwendigkeit, grundlegend veränderte Lernsysteme zu entwickeln, die es auch der Mehrheit unserer Unternehmen ermöglicht, die digitalen Kompetenzen ihrer Mitarbeiter und die damit die Performanz konsequent zu entwickeln. Dies bedeutet eine Revolution, weg von ineffektiven Seminaren hin zum Social Workplace Learning. Dafür ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Ich hoffe, dass der IT-Gipfel dazu einen Beitrag leisten kann.

Die Forderungen, die in dem vorgestellten  Papier aufgestellt werden, decken sich im Übrigen in überraschender Weise mit den Themen, die z.B. auf dem Corporate Learning Camp 2016 von fast 300 betrieblichen Experten intensiv diskutiert wurden. Schade, dass ich im Programm des IT-Gipfels keinen von ihnen entdecken konnte.

 

 

 

[1] Erpenbeck & Sauter (2013): So werden wir lernen! Kompetenzentwicklung in einer Welt fühlender Computer, kluger Wolken und sinnsuchender Netze, Springer Gabler Heidelberg Berlin

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