Corporate Learning und Ordner der Selbstorganisation

In der beruflichen Bildung spielen Werte und Normen eine spezifische, wichtige Rolle. Von den Lehrenden wird die „Vermittlung“ ausgewählter Werte und Normen erwartet. Ungeklärt und im Bilde klassischer „Vermittlung“ auch nicht zu klären ist, wie Lehrende vorgefundene Werteorientierungen und Normen Lernender nach Maßgabe geltender Lehrziel – Vorstellungen modifizieren könnten; naive Machbarkeitsvorstellungen sind da in der Tat nicht am Platz.

Ermöglichungsdidaktisch besteht die Aufgabe der betrieblichen Pädagogen darin,  Bedingungen des Lernens zu gestalten.[iii] Bei „normalem“ Sach- und Fachwissen trifft diese Ermöglichung, von Langeweile und Unverständnis abgesehen, auf keine allzu große Barrieren. Bei Werten und Normen ist das gänzlich anders. Jeder an Berufsbildungsmaßnahmen Teilnehmende hat Genusswerte, Nutzenswerte, ethisch – moralische und politisch – weltanschauliche Werte, oft in normativ verdichtete Glaubensvorstellungen, Kulturzusammenhänge, Gebräuche und Traditionen eingebettet,  emotional tief verankert. Außer durch kritische Lebensereignisse lassen sich die bis zur Volljährigkeit stabilisierten Weltanschauungen kaum noch grundlegend verändern. Andererseits werden im Rahmen von Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Qualifikationsmaßnahmen zunehmend nicht nur fachliche Fähigkeiten sondern auch übergreifende Kompetenzen und mit ihnen stabile, handlungsermöglichende Wertekerne gefordert. Unternehmen und Organisationen fordern bestimmte Wertehaltungen von ihren Mitarbeitern und erwarten deren „Herstellung“ in der Berufsbildung. Je schneller und disruptiver Entscheidungssituationen anfallen, desto wichtiger wird ein stabiles Wertefundament. Der Widerspruch von erwünschter Werteentwicklung und vorgefundener Wertestabilität lässt sich in traditionellen Berufsbildungsprozessen nur schwer angehen. Seine Auflösung oder zumindest Abschwächung erfordert eine grundlegend geänderte Sicht auf Werteentwicklung und Normenentwicklung.

Wir benötigen deshalb im Corporate Learning eine Theorie der Ordner der Selbstorganisation, wie sie eine andere unwiderlegliche Selbstorganisationstheorie, die Synergetik von Hermann Haken, entwickelt.[iv] Die wichtigste für die Wertethematik entscheidende Tatsache ist die Entstehung sogenannter Ordner (Ordnungsparameter) in komplexen, selbst organisierenden Systemen. Die Entdeckung solcher Ordner der Selbstorganisation, ob real physisch oder geistig gedanklich ist eine der großen Errungenschaften der Synergetik. Sie ist der eigentliche Schlüssel zur Werteproblematik. Die Teile schaffen ihre Ordner, die Ordner  „konsensualisieren“ die Teile. Diese Beschreibung erinnert deutlich an den menschlichen Umgang mit Werten: Sie werden innerhalb sozialer Wandlungen und Entwicklungen von Menschen geschaffen, um kollektive Bewegungen überhaupt erst zu ermöglichen, gleichzeitig „versklaven“ sie, vor allem in den zu Regeln, Normen und Gesetzen, Gebräuchen und Traditionen verfestigten Formen die Menschen, drängen sie dazu, wertekonform zu handeln.[v] Werte sind damit Ordner, welche die menschliche Selbstorganisation bestimmen oder zumindest stark beeinflussen. Damit werden sie für die betriebliche Bildung im Zeitalter der Digitalisierung immer wichtiger.

Eine solche Grundanschauung hat viele, vor allem aber drei einschneidende, für das Corporate Learning  außerordentlich wichtige, Konsequenzen.

  • Zum einen muss aufgeklärt werden, wie Werte so zum Antrieb des Einzelnen werden, dass er in  Entwicklungs- und Konfliktsituation mit seiner ganzen Persönlichkeit  für diese Ordner einsteht. Was sind die sozial-psychologischen Prozesse, die eine solche „Verinnerlichung“ von Werten ermöglichen. Interiorisationsprozesse lassen sich heute auf Basis der neuesten neuropsychologischen Einsichten beschreiben; immer stehen im Zentrum massive emotionale Berührungen, Labilisierungen und Verwerfungen, nicht selten bis zur psychischen Schmerzgrenze. Billiger ist Werteaneignung, Wertewandel nicht zu haben. Wo sollen diese bei einem normalen, durch Berufspädagogen gesteuerten Lernprozess, im Klassenraum, in der Lehrlingswerkstatt, in traditioneller Qualifikation aber herkommen?
  • Zum anderen muss in Berufsbildungsprozessen betont und bearbeitet werden, dass es sich bei Normen und Werten keineswegs nur um solche von Ethik und Moral handelt. Verspürt der Auszubildende nichts vom Genuss, den gute Arbeit bereiten kann, werden ihm später entscheidende Fach- und Methodenkompetenzen abgehen; wird er den Nutzen seines Tuns nicht in einem umfassenderen Sinne erfühlen können, werden ihm wichtige Voraussetzungen des späteren Arbeitslebens fehlen. Dass normativ-ethische Einstellungen wie Eigenverantwortung, Glaubwürdigkeit, Hilfsbereitschaft, Disziplin, Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft wichtige Bestandteile seiner personalen Kompetenz sein sollten, mag ihm noch einleuchtend erscheinen, dass seine sozial-kommunikativen und aktivitätsbezogenen Kompetenzen auch in politisch-weltanschauliche Werte eingebettet sind, wird er viel weniger beachten. Tatsächlich spielen aber alle vier Grundwerte – Genusswerte, Nutzenswerte, ethisch-moralische Werte und politisch-weltanschauliche Werte – und viele Teilwerte in seiner Bildung, in seinem Beruf und damit auch in seiner Berufsbildung eine tragende Rolle. Das ist vor allem deshalb so wichtig, weil diese Grundwerte zuweilen unversöhnlich gegeneinander stehen, einander aushebeln. Hat der Unternehmer (ethisch-moralisch) Recht, die Hälfte der Belegschaft zu entlassen, weil ansonsten der Gewinn seines Unternehmens (nutzensbezogen) nicht mehr gesichert ist – und wie sollen sich Learning Professionals und Auszubildende in diesem Konflikt positionieren? Sollen der Ausbilder und der Auszubildende akzeptieren, dass sie in einem hoch profitablen (nutzensbezogen), die Belegschaft sozial geradezu verwöhnenden Umfeld (genussbezogen) tätig sind, obwohl das Unternehmen Waffen und Kriegsgerät für den Export herstellt (politisch-weltanschaulich)? Es ist eine völlig unzulässige Vereinfachung, lediglich die Unternehmensethik in den Mittelpunkt zu rücken, es zählt die Gesamtheit aller das Unternehmen und damit alle die Berufsbildung berührenden Normen und Werte…
  • Eine weitere Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass Werte Ordner von Selbstorganisation darstellen, ist für die Berufsbildung wie für jede Bildung zentral. Ordner, Werte sind nicht wahr oder falsch. Sie bilden sich, setzen sich durch, bleiben länger oder kürzer bestehen und verschwinden schließlich. Sie sind manchmal wichtig und nützlich, aber nicht richtig oder unrichtig. Mit keinem Argument der Welt lassen sie sich beweisen oder widerlegen.

[i]Baran, P. (1990): Werte. In: Sandkühler, H. J. (Hrg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Hamburg, S. 805

[ii]Roth, G. (2013): Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Vortrag ARD Mediathek http://www.ardmediathek.de/tv/Tele-Akademie/Prof-Dr-Gerhard-Roth-Bildung-braucht/SWR-Fernsehen/Video?bcastId=37622032&documentId=38167964

[iii]Arnold, R., Siebert, H. (4.Aufl.2003 ): Konstruktivistische Erwachsenenbildung. Von der Deutung zur Konstruktion von Wirklichkeit. Hohengehren

[iv]Haken,H., Wunderlin, A. (2014): Synergetik: Eine Einführung. Nichtgleichgewichts-Phasenübergänge und Selbstorganisation in Physik, Chemie und Biologie (German Edition) Heidelberg; Haken, H., Plath, P. (2016): Beiträge zur Geschichte der Synergetik. Allgemeine Prinzipien der Selbstorganisation in Natur und Gesellschaft .Heidelberg

[v]Haken, H. (1996) : Synergetik und Sozialwissenschaften. In: Ethik und Sozialwissenschaften 7, Heft 4, S. 588Corporate Learning und Werte

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