Werteerziehung – geht das?

„Worte sind nicht ganz unnütz, aber sie alleine bewirken nichts, sondern immer nur mit bewussten Emotionen und noch besser mit unbewussten Emotionen. Das ist die Lehre.“

Gerhard Roth

Welche Möglichkeiten verbleiben Learning Professionals im Corporate Learning, ihrer „institutionalisierten Aufgabe, jeweils vorgefundene Wertorientierungen und Normen Lernender nach Maßgabe geltender Lehrziel – Vorstellungen zu modifizieren“ gerecht zu werden, ohne naive Machbarkeitsvorstellungen und Machbarkeitsfantasien zu entwickeln?

Seit den neueren Entdeckungen der Neurowissenschaften ist klar, dass auch die Aneignung und der konstruktive Aufbau von Wissen ohne Wertungen, ohne Emotionen nicht funktioniert. Eindrücke, Daten, Informationen, einige Millionen bits pro Sekunde, prasseln auf unsere Sinnesorgane ein. Von den etwa 11 Millionen bits, die unser Gehirn über die Sinne pro Sekunde aufnimmt, finden lediglich etwa 40 bits den Weg zum Bewusstsein. Dies entspricht einem Tropfen auf 13 Liter Wasser. Der gewaltige Rest wird unbewusst auf- und abgefangen. Rasend schnell werden die Eindrücke, Daten, Information vom limbischen System als unwichtig, weniger wichtig, wichtig oder superwichtig „abgestempelt“ und gefiltert. Ohne das limbische System könnten wir keine Entscheidung treffen. Vor allem die Amygdala, der Mandelkern, ist bei der „emotionalen Markierung“ von Informationen bedeutend. Sie lässt uns zum Beispiel negative Erlebnisse besonders detailliert und vor allem lange erinnern. Innerhalb von 500- 600 Millisekunden entscheidet dieser Gehirnbereich, ob uns zum Beispiel eine Person sympathisch oder vertrauenswürdig erscheint oder nicht. Das alles ist nicht nur graue Theorie. Es ist heute möglich, Präsentationseffekte, Werbungsmethoden und Überzeugungsstrategien anhand neuronaler Erregungsmuster zu bewerten.  Dabei werden im „Hirnscanner“ mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT) vor allem die emotions– und handlungswichtigen Gehirnareale auf ihre Aktivität hin untersucht.[1] Das ist nichts anderes als eine Messung der Wertung von Informationen!

Daran anknüpfend können Wertungen, Werte mittelbar über den Austausch der abgestempelten Informationen, weitergegeben werden.  Was aber grundsätzlich nicht funktioniert ist, Werte wie Informationen weiter zu geben. Bluma Zeigarnik unterschied „bloß bekannte“, bloß gelernte und „unmittelbar wirksame“, interiorisierte Werte. [2]Werte werden durch die Menschen im eigenen geistigen oder gegenständlichen Handeln angeeignet und gehen unmittelbar in die Erlebnisse dieser Menschen ein. Das den Werten zugrunde liegende Wissen lässt sich zwar in Form von Kenntnissen weitergeben, aber eben nicht als Werte.

Werte können nur selbst handelnd, selbstorganisiert angeeignet werden. Eben dieser Aneignungsprozess wird psychologisch als Interiorisation (oft auch als Internalisation) bezeichnet.

Dieses Verständnis von Werteinteriorisation bei Werteerziehung und Werteentwicklung führt zu zwei praktischen Fragestellungen:

  • Wie erhält Wissen das eben nicht nur „vermittelt“, sondern dessen konstruktiver Aufbau ermöglicht werden soll, seine Emotionsstempel, wie wird es emotional imprägniert und bewertet? Wie lernt der Werteerzieher und -entwickler, Menschen emotional zu berühren?
  • Wie kann die Werteinteriorisation genutzt werden? Wie lernt der Werteerzieher und -entwickler, emotionale Labilisierung sinnvoll einzusetzen?

Klar ist: Die notwendige emotionale Imprägnierung des Informations- und Handlungswissens kann nur über widersprüchliche, emotional anrührende, „labilisierende“ Situationen erfolgen. Das können alltägliche, aber auch massive Konflikte, Transferaufgaben, Forschungsaufträge, Praxisprojekte und andere Herausforderungen im Alltag wie am Arbeitsplatz sein. Deshalb ist es so wichtig, dem Handeln, der Praxis den höchsten Stellenwert bei der Entwicklung von Werten zuzuschreiben und jedem zu misstrauen, der behauptet, er könne diese Anforderungen auch auf dem Wege der Wissensweitergabe erfüllen. Wo keine emotionale Berührung, keine emotionale „Labilisierung“ stattfindet, entwickeln sich keine Werte. Punktum.

Nicht immer kann man Praxissituationen finden, die Werteentwicklung ermöglichen. Doch sichern häufig auch Methoden des Coachings oder des praxisgleichen Trainings die notwendige emotionale Berührung und Labilisierung.Nicht die Wissensweitergabe ist die Aufgabe des Coaches, sondern die Vermittlung einer positiven, kreativen Einstellung zu diesem Wissen. Trainings, die es schaffen, nicht nur die Wissensreproduktion anzuregen sondern auch die emotionale Durchdringung des Wissens und Handelns, befördern die Werteentwicklung. Praxis – Coaching – Training– Seminar – Unterrichtsstunde, in dieser abnehmenden Reihenfolge werden Maßnahmen zur Werteentwicklung wirksam.

Um die gesamte Stufenfolge der Werteinteriorisationzu nutzen, muss man das Verständnis der emotionalen Labilisierung vertiefen und praktikabel machen.Die größte Schwierigkeit der Werteerziehung und -entwicklung ist, dass die grundlegenden Prozesse, auf die die Wertinteriorisation baut, nicht rational, sondern weitgehend verborgen – unbewusst sind. Das sehr eingängige  Vierebenenmodell des Gehirns nach Gerhard Roth (2013) verdeutlich diese Schwierigkeit. Er unterscheidet

  • eine untere Ebene(Hypothalamus – zentrale Amygdala – vegetative Zentren des Hirnstamms): Unbewusst wirkende, angeborene Reaktionen und Antriebe, z.B. Schlaf, Sexualität, Aggression… Diese Ebene ist hoch stabil und kaum veränderbar.
  • eine mittlere limbische Ebene(basolaterale Amygdala, mesolimbisches System): Unbewusste emotionale Konditionierung, z.B. Furcht, Freude, Empfindung von Gestik, Bindungserfahrung. Diese Ebene ist durch Ansprechen individuell-emotionaler Motive und durch langes Einüben veränderbar.
  • eine obere limbische Ebene(Prä- und orbitofrontaler, cingulärer und insulärer Cortex): Ebene des bewussten, emotional-sozialen Lernens – Anerkennung, soziale Nähe, Ethik… Diese Ebene ist durch soziale Interaktion und Kommunikation nach und nach veränderbar.
  • die kognitiv-sprachliche Ebene(Linke Großhirnrinde, Sprachzentren, präfrontaler Cortex): Ebene der bewussten sprachlichen Kommunikation – Handlungsplanung, Erklärung und Rechtfertigung des Verhaltens… Diese Ebene hat nur in Verbindung mit den anderen Ebenen Einfluss auf unser Handeln.

Werte- und Kompetenzentwicklung ist deshalb nur ermöglichungsdidaktisch realisierbar, braucht also einen passenden Ermöglichungsrahmen, der

  • der Individualitätund Eigenverantwortung der Lernenden Rechnung trägt, indem diese ihre personalisierten Lernprozesse selbstorganisiert planen und umsetzen,
  • dem demographischen Wandel und der damit einhergehenden Heterogenität der Lernenden gerecht wird, indem vorhandene Lehr- und Lernkonzepte, Lernmaterialien, aber auch die Rolle der Lehrenden vom Lernenden her neu gedacht werden,
  • der Unterschiedlichkeit der Lebenswelten und der Vielfalt interkultureller Herausforderungen gerecht wird, indem Werte- und Kompetenzentwicklung dort stattfindet, wo reale Herausforderungen zu bewältigen sind, diese aufgreift und damit die Kommunikation und das kollaborative Arbeiten und Lernen zwischen Menschen fördert,
  • den technologischen Wandel aktiv aufgreift, indem die Lernwelt als Spiegelbild der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt mit dem Ziel der effizienten Werte- und Kompetenzentwicklung gestaltet wird.

Werte- und Kompetenzentwicklungsprozesse finden nicht im luftleeren Raum, z. B. im Klassenzimmer oder im Seminar,  statt, sondern sind in die aktuellen Lebens- und Arbeitswelten eingebettet. Deshalb ist Werteerziehung im traditionellen Sinne nicht möglich. Es ist jedoch möglich, gezielte, selbstorganisierte Wertentwicklung im Prozess der Arbeit zu ermöglichen. 

[1]Limbio http://www.limbio-business.at/; Wieser, J. (2017) Warum kreative Werbespots oft scheitern. In: Die Presse, 29.12. S.13

[2]Boshowitsch, L. I. (1970): Die Persönlichkeit und ihre Entwicklung im Schulalter. Berlin. S.276

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